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Lernend Gegenwart und Zukunft gestalten

1. Baltische Seniorenkonferenz wird
Herausforderungen gerecht
Dr. Worms: „Gemeinsam für gute Ernte sorgen“

Von Ulrich Winz (Berlin)

KLAIPEDA (LT), 18./19. Sept. 2010. Fragt man nach messbaren Ergebnissen der 1. Baltischen Seniorenkonferenz in der litauischen Hafenstadt Klaipeda (früher Memel), muss genannt werden:

  • ein Gedankenaustausch baltischer Senioren  mit dem ESU-Präsidenten Dr. Worms  und dem  Honorarkonsul Freiherr Wolfgang von Stetten (beide aus Deutschland), dem amt. Präsidenten des Seimas, Ceslovas Vytautas Stankevicius (am Begrüßungsabend in Vilnius) sowie mit weiteren Politikern und Wissenschaftlern aus Litauen und Deutschland – unter ihnen die Stellv. Vorsitzende der CDU-Senioren-Union Erika Reinhardt;
  • die tiefgründige  Diskussion aktueller drängender Probleme Litauens und seiner Nachbarn Lettland und Estland, die in der Verabschiedung dreier Resolutionen mündete;
  • die Verabredung engerer Kooperation der zur ESU gehörenden baltischen Seniorenverbände in Form einer „Arbeitsgemeinschaft“;
  • der Entschluss, die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen den litauischen und baden-württembergischen Senioren mit neuen Ideen fortzuführen.

Zutiefst bewegend war das Gedenken an alle, die für Litauens Freiheit ihr Leben ließen, denn  die Wunden sowjetischer Okkupation sind noch längst nicht verheilt. Ein Blumengebinde am Denkmal, das mit Namen von Verbannten, Erschossenen und in Lagern Verschollenen  gesäumt ist,  und das gemeinsame „Vater Unser“ machten deutlich, dass die Erinnerungskultur für die ESU Ehre und Verpflichtung ist.

1. Baltische Seniorenkonferenz in der litauischen Hafenstadt Klaipeda, September 2010
Über 80 Teilnehmer hatte die Konferenz.

    Anziehende Thematik
Der Ausrichter der Konferenz – der Vereinte Seniorenverband der Vaterlandsunion/Christdemokraten unter Vorsitz von Romualda Hofertiene und Jonas Volungevicius – hatte sich für sein Vorhaben Partner gesucht: neben der Europäischen Senioren Union (ESU) war dies zum wiederholten Male die  Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) Vilnius mit Kristina Kviliunaite und Rita Lapiniene. Die Wahl des Konferenzthemas „Wirtschaftliche, politische , soziale und kulturelle Herausforderungen und  Lebenslanges Lernen im 21. Jahrhundertwie auch dessen  engagierte Behandlung veranlasste den KAS Chef für Skandinavien und das Baltikum, Andreas M. Klein, zu anerkennenden Worten vor dem Plenum der über 80 Teilnehmer.
Durch ihre Präsenz und Teilnahme an der Diskussion erwiesen auch  sechs Unterzeichner der litauischen Unabhängigkeitserklärung vom 11.3.1990, sogenannte Signatare, den Veranstaltern eine Ehre.

In einer Grundsatzrede stellte Präsident Dr. Worms im Rückblick auf den Weg der europäischen Integration seit dem 2. Weltkrieg  fest: „Die Saat ist aufgegangen. Nun ist jeder aufgerufen, für eine gute Ernte zu sorgen.   Viele von uns sind dank längerer Lebenszeit fähig und willens, Freizeit zu opfern – für die unverzichtbare Stärkung der Demokratie  wie für mehr soziale Gerechtigkeit.“
Die Soziale Marktwirtschaft – so Worms – habe sich auch in der Krise als Stabilisator erwiesen und verdiene daher weltweite Akzeptanz. Alle ESU-Mitgliedsorganisationen müssten zum Ausgleich von Kapital und Arbeit  in ihrem Land beitragen. „Niemand darf ins soziale Elend stürzen; jeder hat das Recht auf soziale Sicherheit im Alter“, betonte der Präsident. Ausdrücklich begrüßte er en Beitritt Estlands zur Euro-Zone per 1.1.2011 als weiteren Schritt zur europaweiten Integration.
Zum „Lebenslangen Lernen“ erklärte Worms:  „Ja, es ist unsere Antwort auf die Verdopplung des Wissens alle 10 Jahre.“

1. Baltische Seniorenkonferenz in der litauischen Hafenstadt Klaipeda, September 2010
 
Honorarkonsul Prof. Dr. Wolfgang von Stetten spricht.   Aili Kogerman aus Tallinn plädiert für Kooperation.

Diesem Anspruch fühlt sich  auch Prof. Dr. Wolfgang von Stetten (D) verpflichtet. Seit fast zwei Jahrzehnten ist er in Litauen engagiert. Dieses Land, dem von deutscher Seite „viel Leid zugefügt wurde“, hatte es nach seinen Worten schwerer, mit dem sowjetischen Erbe fertig zu werden als beispielsweise Ostdeutschland. Gemeinsam mit seinem litauischen Freund Antanas Racas aus Kelme sind zahlreiche Projekte verwirklicht worden. Über 1000 Praktikanten hätten inzwischen in Baden-Württemberg arbeiten können, betonte Von Stetten. Da die vor fünf Jahren von Erika Reinhardt begründete Partnerschaft der Senioren-Union seines Bundeslandes mit dem Seniorenverband Litauens  die Verständigung gefördert habe, solle sie  mit neuen Ideen fortgeführt werden. Als Nächstes werde eine Gruppe aus Litauen zum Erfahrungsaustausch nach Deutschland eingeladen.
Am Rande der Konferenz wurde bekannt, dass Von Stetten im Oktober als Stellvertretender Vorsitzender der CDU-Senioren-Union kandidiert und damit Erika Reinhardts Nachfolger würde.

1. Baltische Seniorenkonferenz in der litauischen Hafenstadt Klaipeda, September 2010
Am Denkmal der litauischen Freiheitskämpfer.

    Die Kluft verringern helfen
Romualda Hofertiene, Präsidentin des Vereinigten Seniorenverbandes Litauens, äußerte: Die politische Freiheit ist vor 20 Jahren errungen worden, aber sie muss ständig gesichert werden. Das gilt im besonderen für die Energieversorgung der baltischen Länder gegenüber ihren östlichen Nachbarn.
Das in der „Lissabon-Strategie“ geforderte Lebenslange Lernen sei eine willkommene Anregung, die gewonnene Lebenszeit sinnvoll zu nutzen  - für sich und die Allgemeinheit.
Besonders am Herzen liegt ihr, die Kluft zwischen Arm und Reich im Sinne der christlichen Soziallehre zu verringern. Alt und Jung müssten der zunehmenden Materialisierung begegnen. Familie, Region, Staat , Europa und die uns vom Schöpfer anvertraute Erde gelte es, gegen alle Gefahren zu verteidigen.

Für Agne Bilolaite, eine junge Parlamentarierin, ist das Zusammenwirken mit den organisierten Senioren zur Selbstverständlichkeit geworden. Sie werde sich mit der noch immer verbreiteten Verschlossenheit und Isolierung älterer Bürger nicht abfinden, erklärte sie, denn  die ältere Generation sei ein Schatz, den es im Interesse der weiteren Entwicklung zu heben gilt.

  Erfolgreiche Intervention
Auf die prekäre soziale Situation  vieler Rentner eingehend, schilderte Jolanta Zarina aus Riga (LV) Erfahrungen mit dem  Verfassungsgericht. Es hatte über  15 000 Briefe zu entscheiden, die die Rückzahlung einbehaltener Renten verlangten und den Antragstellern  Recht gab ! Ihre Information ermutigte die Konferenz zur Verabschiedung einer entsprechenden Resolution an die litauische Regierung, in der auch eine Anrechnung von Zeiten für die Kindererziehung gefordert wird.

1. Baltische Seniorenkonferenz in der litauischen Hafenstadt Klaipeda, September 2010
(v.l.n.r.:) Romualda Hofertiene, Dr. Bernhard Worms, Agne Bilotaite, Jonas Volungevicius, Jolanta Zarina.

Dr. Algimantas Buciunas,   Dekan an der  Senioren-Universität  in Panevezys, setzte sich leidenschaftlich für eine auf den Menschen bezogene Bildung in jedem Alter ein, die dem zunehmenden „Relativismus“ entgegenwirkt und die Besinnung auf  humanistische Werte unterstützt. Für die Senioren-Studenten  sollten ähnliche Vergünstigungen im Nahverkehr eingeführt werden  wie sie ihre junge Kommilitonen genießen.

Im Ergebnis seiner Rede und weiterer Voten stimmte die Tagung einer Resolution  an die Regierungen in Vilnius, Riga und Tallinn sowie an  das ESU-Präsidium zu. Gefordert wird nach den Worten Romualda Hofertienes  ein Bildungsprogramm für die jungen EU-Länder, das den Defiziten bei geschichtlichen Kenntnissen abhilft.

    Sorgen um die Atomsicherheit
Breiten Raum nahm in der Diskussion die Energieversorgung und Atomsicherheit ein.  Stasys Malkevicius  und weitere Sprecher sehen die  Bürger durch den Bau eines Kernkraftwerkes in Belarus  einer latenten Gefahr ausgesetzt. Deshalb erhob die Konferenz in einer weiteren Resolution die Forderung an die  Regierung in Vilnius um Aufklärung der Bevölkerung – besonders zu Sicherheitsfragen. Darüber hinaus soll der EU-Kommissar für Energiefragen, Oettinger, von den Sorgen in Kenntnis gesetzt und um eine Bewertung  des Risikos an der EU-Außengrenze ersucht werden.

Andrius Kubilius sprach sich in einer (verlesenen) Grußbotschaft für die stärkere Kooperation der baltischen Länder aus. Hierin stimmt der Ministerpräsident und Vorsitzende der Vaterlandsunion/Christdemokraten Litauens mit  den versammelten Senioren  überein. Dr. Aili Kogerman aus Tallinn (EE) nannte als ein mögliches Feld der Zusammenarbeit kulturelle Veranstaltungen, darunter Tanzfeste. Zum Erfahrungsaustausch bietet sich nach ihren Worten auch das dichte Netz  estnischer „Senioren-Universitäten“ an. „Die Partizipation an der Gesellschaft als Lebenselexier“ habe viele Facetten und biete eine Fülle von Motivationen zu ehrenamtlicher Tätigkeit – auch über Ländergrenzen hinweg. Ihre Anregungen aufgreifend, wollen die Seniorenverbände der drei baltischen Länder künftig als „Arbeitsgemeinschaft“ zusammenwirken. Die ESU-Strukturen  würden dadurch nicht berührt.

    Tanz und Gesang
Aus allen sieben Regionalgruppen – Vilnius, Kaunas, Klaipeda, Kelme, Panvezys, Anyksciai und  Raseiniai – waren Senioren zur Konferenz gekommen. Mit großer Freude nahmen Präsident Dr. Worms, Prof. von Stetten und weitere Gäste  aus den Händen der Klaipedaer Vorsitzenden  Danute Erlena Bendikiene  in ihrer Gruppe bestickte Schärpen entgegen, die  stets an eine  bestens vorbereitete, engagiert geführte und ertragreiche Konferenz erinnern werden.
Am  guten Gesamteindruck haben die Dolmetscherinnen Rita, Jurka, Janina, Nomeda und Irena  erheblichen Anteil. Auch bemerkenswert: die freundliche und  freundschaftliche Atmosphäre der „ESU-Familie“ im Hotel Ararat, in dem zur allgemeinen Überraschung eine Folkloregruppe auftrat und für gemeinsamen Gesang international bekannter Lieder sorgte. Der Aufforderung zum Tanz konnte sich dann auch kaum jemand verweigern.
Zum Abschluss der Tagung wurde die litauische Hymne angestimmt, in der es heißt: „Möge die Sonne Litauens Finsternis verscheuchen; hell und klar, recht und wahr unsere Schritte lenken“. Text und Melodie stammen  von Vincas Kudirka (1898); erstmalig gespielt wurde das Lied 1905; Hymne  ist es seit 1918 (Unabhängigkeit von Russland).



Text und Fotos: U. Winz