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„Stütze, Haltegriff und Sauerteig sein…“

Eindrücke von der 1. Sommerakademie der ESU in Wien / Luc Vandeputte unter den Gästen aus 20 Ländern /Europäischer Seniorenrat vorgeschlagen

Text und Fotografien von
Ulrich Winz (Berlin)

WIEN. Mit ihrer ersten  „Europäischen „Sommerakademie für Führungskräfte“ vom 23. bis 25. August in der Politischen Akademie Wien hat die ESU einen neuen Weg beschritten und – ins Schwarze getroffen ! Von dem Generalthema „Senioren – Aktives Leben mit starken Werten“ fühlten sich Repräsentanten aus 20 Nationen angezogen. Der Österreichische Seniorenbund (ÖSB) hat mit „ESU- Regionalkonferenzen Südwest“ und eigenen Sommerakademien reiche Erfahrungen mit größeren Veranstaltungen, und  so bewährte er sich auch diesmal als umsichtiger Gastgeber. Dazu zählt, dass seine Repräsentanten gern  ihre Erfahrungen vermittelten und sich  an der Diskussion der  teils sehr unterschiedlichen Erkenntnisse aus anderen Staaten aktiv beteiligten. Zumal die Hälfte der Teilnehmer aus den Ländern hinter dem früheren „Eisernen Vorhang“ kamen, wo die Bedingungen für politische Seniorenarbeit ganz andere sind: Dem Aufbau starker, über das ganze Land verbreiteter Seniorenorganisationen stehen auch 20 Jahre nach den friedlichen Revolutionen in manchen Ländern Ost- und Mittelosteuropas noch immer erhebliche Schwierigkeiten entgegen. Das gilt ganz besonders für die durch Präsidentin Tatyana Zelko vertretene Organisation „Unsere Generation“ („Nashe Pokolenie“) in Belarus mit Sitz in Minsk, die unsere Sympathie und Solidarität verdient.

Der gastgebende ÖSB unter Vorsitz von Prof. Dr. Andreas Khol versteht sich  als Interessenvertreter der älteren Generation auf allen Ebenen, als Teil seiner „Mutterpartei“ Volkspartei ÖVP und  als Service-Organisation.  Dank intensiver und erfolgreicher Tätigkeit  ist der ÖSB für alle Seniorenverbände Europas ein Vorbild -  und dies um so mehr für jene Volksparteien, die bisher nur erst mit ihren „Seniorenbeauftragten“ zur ESU gehören, das heißt: wo die Gründung von Seniorenverbänden noch immer aussteht.

1. Sommerakademie der ESU für Senioren - Führungs-kräfte in Wien, August 2010
Prof. Dr. Andreas Khol bei seiner Ansprache; neben ihm Heinz K. Becker, Dr. Bernhard Worms und Dr. Marilies Flemming

 Wie Prof. Khol, Generalsekretär Heinz K. Becker und   führende Persönlichkeiten aus den österreichischen Landesgruppen glaubhaft versicherten, ist ihre Organisation im Bewusstsein der Bevölkerung und in der Gesellschaft fest verankert. Khol: „Wo wir mitgliederstark sind, gewinnen wir politische Mandate. In jeder Gemeinde gibt es zumindest einen Abgeordneten von uns. Unser Ziel sind zwei!“ Becker: „Man kann über uns nicht mehr hinweggehen. Ja, ohne uns geht nichts!“ Der ÖSB richtet all seine – ehrenamtlich erbrachten – Leistungen auf  ein sinnerfülltes Leben der älteren Generationen. Dazu zählen Sicherheit für die Sozialsysteme, Beratung in allen Lebensfragen, Anregungen für ehrenamtliches Engagement (in Politik, Kultur, Sport, Tourismus und anderen Interessensgebieten wie auch eine entsprechende Angebotspalette).
Im Ergebnis jahrelanger Überzeugungsarbeit  wird der ÖSB inzwischen  auch von  der eigenen Partei (ÖVP) als Anwalt der größten Bevölkerungsgruppe  und eines  starken Wählerpotentials akzeptiert.  Mehrere Redebeiträge (von Dr. Marilies Flemming, Dr. Werner Fasslabend, Dr. Ernst Strasser MdEP, Dr. Klaus Hecke, Karlheinz Klopf, Hansgeorg Enzinger, Dietmar Kriechbaum als Leiter/ Berichterstatter der Arbeitsgruppe A und anderen) haben das durch Beispiele belegt unterstrichen.

1. Sommerakademie der ESU für Senioren - Führungs-kräfte in Wien, August 2010
Wien. Springer-Schlössl mit Seminarhotel. Sitz der Politischen Akademie.

Der  ÖSB – zusammen mit der Politischen Akademie des ÖSB - Ausrichter der 1. Sommerakademie - ist mit 305 000 zahlenden Mitgliedern der zahlenmäßig stärkste Mitgliedsverband der Europäischen Senioren Union. ESU- Präsident Dr. Bernhard Worms (D) bescheinigte ihm, „Sauerteig“ (nach Matthäus 13, Vers 33) zu sein. Diesen Anspruch meldete er zugleich für unsere gesamte Dach-Organisation, die ESU, an. An anderer Stelle sprach er von „Stütze“, von „Haltegriff“ , womit er das Selbstverständnis der ESU und ihrer Gliederungen.  trefflich charakterisierte. Im 15. Jahr ihres Bestehens fühlten sich einer aktuellen, noch unvollständigen  Erhebung zufolge mindestens 820 000 Personen der ESU durch ihre Mitgliedsverbände oder Parteien verbunden, erklärte Worms unter Beifall. Die Grundlage dafür hätten solche Vorkämpfer und Mitstreiter der Ersten Stunde aus Österreich wie Dr. Stefan Knafl  (Präsident 1995 – 2001, danach Ehrenpräsident),  Wilhelm Mohaupt (Generalsekretär, seit 2007 Ehrenpräsident) und Walter Paul (Schatzmeister, Verantw. für Öffentlichkeitsarbeit) gelegt. Diese Persönlichkeiten hätten in der ESU viele Freunde und  genössen über ihren Tod hinaus hohe Achtung.

Startkapital gut angelegt
Worms äußerte sich dankbar dafür, dass an  dieser 1. Sommerakademie in Kooperation mit der EVP   auch der Stellv. Generalsekretär der EVP, Luc Vandeputte, teilnahm. „Veranstaltungen wie diese sind Plattformen zur Diskussion inhaltlicher wie organisatorischer Fragen, die uns und die Europäische Volkspartei  bedrängen, und  sie sollten zur Tradition werden.“ Auf dem Anfang November in Bad Honnef stattfindenden Kongress wolle er  dafür plädieren. Dr. Worms stellte fest: Das von Stefan Knafl einst bereitgestellte Startkapital – jene 100 000 Schilling - hat 1995 nicht nur die Gründung in Madrid ermöglicht, sondern auch über die Jahre  vielfachen  Gewinn erbracht.

1. Sommerakademie der ESU für Senioren - Führungs-kräfte in Wien, August 2010
Dr. Worms und Luc Vandeputte (v.r.n.l)

Die ESU  werde sich – von Wien ausgehend -  verstärkt Zukunftsfragen widmen , denn sie fühlt sich mitverantwortlich für ein in der Demokratie verwurzeltes friedliches Europa, in dem  mittlerweile fünf Generationen  – davon drei in der nachberuflichen Lebenszeit -  einen ihnen gemäßen Platz „mittendrin“  haben müssen. „Wir wollen das bürgerschaftliche Engagement im Alter fördern, da es zu dem uns prägenden christlichen Bild vom Menschen , von seiner Würde das ganze Leben lang,  unverzichtbar dazu gehört.“

Dr. Worms forderte seine Zuhörer auf, in allen Ländern – sofern nicht schon geschehen – von den politischen Parteien eigenständige Seniorenorganisationen zu fordern, die dem demographischen Wandel gerecht werden und den Älteren eine politische Heimat geben. Im Zusammenwirken mit Jugendverbänden, den Abgeordneten aller Ebenen, mit weiteren Politikern, mit Wissenschaftlern und Wirtschaftsverbänden gelte es, der sozialen Marktwirtschaft überall zum Durchbruch zu verhelfen, da sie sich auch jüngst in finanzieller und wirtschaftlicher Krise als Stabilitätsfaktor erwiesen hat. Jeder Bürger habe das Recht, entsprechend seiner Leistung am gesellschaftlichen Reichtum beteiligt zu werden. Dabei verdienten die Familien besonderes Augenmerk.  Getragen von christlicher Verantwortung und im Sinne unserer „Magna Charta“ von 2002 müssten alle Gliederungen der ESU an der Bewältigung neuer Herausforderungen mitarbeiten. Resignation helfe niemandem. „Mag der Berg noch so hoch sein – wir versuchen, ihn zu besteigen.“

Österreich beweise, dass ein gesamtstaatlicher „Seniorenrat“ (ÖSR) durchaus geeignet sein kann, die Interessen der Älteren zu wahren, erklärte Worms weiter. Mit großem Interesse hörten die internationalen Gäste aus dem Mund von Prof. Dr. Khol, wie vielfältig und bisher einzigartig das  Wirken  des ÖSR als gesetzlicher  Sozialpartner ist. Prof. Dr. Khol, der dem ÖSR alternierend mit einem SPÖ-Mann vorsteht, freut sich, dass  800 000 Pensionistenhaushalte auf diese Weise eine Vertretung haben. Wer die von Heinz K. Becker für den Workshop A („Aufbau einer Seniorenorganisation“) vorgelegten „Vorschläge, Erfahrungen, Beispiele…“ studierte, wird sich folgerichtig  nicht gewundert haben, dass er als Vision einen „Europäischen Seniorenrat“ in die Debatte wirft. Die Diskussion darüber dürfte auf dem Bad Honnefer Kongress  geführt werden.

In Dr. Maria Rauch-Kallat nahm eine  pensionierte, aber dennoch politisch aktive Frau das Wort, die sogar Unternehmerin geworden ist. Sie war schon mit 40 (!) zum Österreichischen Seniorenbund gekommen. Als Stellvertretende Vorsitzende der EVP-Frauenorganisation setzt sie sich jetzt  vehement für die Anerkennung der Frauen- und Seniorenorganisationen in den jeweiligen Parteien ein, da sie die größten Bevölkerungsgruppen verträten.

1. Sommerakademie der ESU für Senioren - Führungs-kräfte in Wien, August 2010
Blick ins Plenum
Blick ins Plenum mit Prof. Khol am Redepult

Stimmen aus den Mitgliedsländern
Carlo Fatuzzo (Vizepräsident (VP) der ESU aus Italien) meinte, die EVP sollte „besser zuhören“, wie er es sich  als Chef einer  Pensionistenpartei seit Jahren zur Gewohnheit gemacht habe. Nach  Wien werde er sich „in jedem Dorf engagieren“  und gegen die Vereinsamung ankämpfen.
 Dr. Vaclav Roubal (VP aus Tschechien) betonte die Verbundenheit mit der EVP und kündigte für Prag eine Veranstaltung „Europa für Bürger – Bürger für Europa“ an, auf der er sprechen wird. Er bedauerte, dass trotz intensiver Anstrengungen seiner christdemokratischen Senioren nach der jüngsten Wahl „kein christliches Element mehr im  Prager Parlament“ ist.
 Dr. Marilies Flemming (VPin aus Österreich, zeitweilige Tagungspräsidentin) stellte  wichtige Positionen des künftigen EVP-Programms vor, an dessen Erarbeitung sie im Auftrag der ESU mitarbeitet. Der Entwurf werde allen ESU-Verbänden zugehen. Die Aussagen zu „Werten“ im Lissabon-Vertrag sollten  sich alle zu eigen machen , die die Missachtung von Grundrechten feststellen und bedauern. Besonders wichtig: das Recht auf Leben sowie auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit. Es lasse keinen Spielraum für ein  Verbot der Bibel und   ebenso wenig  für Steinigungen beim Wechsel einer Religion, erklärte Frau Flemming.
VPin Maria Mantziafou-Kanellopoulou (GR) setzte sich für die Bewahrung ethischer Prinzipien im Alltag , auch in der Politik, ein. Gott sei „abgehakt und der Mammon an seine Stelle getreten“. Sie mahnte eine bessere Vorbereitung der Bürger auf das Rentnerdasein an. Thanos Michael (Präsident der zypriotischen Senioren) bekräftigte die bereits in Malta gegebene Anregung für eine Resolution  der ESU zur Zypern-Frage. Es wurde vereinbart, dass er alsbald einen Entwurf  erstellt, der der Bedeutung des Themas gemäß dem Kongress zur Beschlussfassung vorgelegt werden kann. Für 2012, wenn Zypern den EU-Vorsitz innehat, will Michael  zu einer Regionalkonferenz einladen.
Leif Hallberg (VP  und Vorsitzender der Christdemokratischen Senioren in  Schweden) fürchtet, wir seien nicht darauf vorbereitet, dass  „ die Hälfte der 2011 Geborenen im Durchschnitt 100 Jahre alt wird“. Als Leiter eines „Kamingespräches“ sowie Berichterstatter für die Arbeitsgruppe B („Wie christlich sind Europas Volksparteien?“) verwies er auf sehr differenzierte Sichtweisen, die eine Fortführung der Diskussion  erfordern. Einigkeit habe darüber bestanden, dass Parteien und Kirchen in der säkularisierten Gesellschaft nicht identisch seien;  Parteien mögen  „ihre Politik auf christliche Grundlage  stellen  und  humanistisch-jüdische Traditionen berücksichtigen.“  Auf    An Hermans (Vorsitzende der christdemokratischen Senioren Flanderns, B)  reagierend, begrüßte Hallberg deren Votum für eine grundsätzlich  „europäische Sicht- und Handlungsweise“ und die Förderung des ehrenamtlichen Engagements.
Ulrich Winz (D; ESU-Pressereferent und Koordinator der Region Ost) sprach über Erfahrungen mit der Gründung der Senioren-Union der CDU in der DDR im April 1990 und  des gesamtdeutschen Verbandes Ende 1990. Mutigen  Aktionen in Osteuropa sei es zu danken, dass es schließlich zum Fall der „Berliner Mauer“ und zur Deutschen Einheit  kam. Die friedlichen Revolutionen von 1989/90 hätten freimütigen Diskussionen zu gemeinsamen Problemen im fast grenzenlos gewordenen Europa wie jetzt in Wien erst möglich gemacht. Das sei für ihn noch immer wie ein Wunder. Zur aktuellen Situation der Senioren-Union  stellte Winz fest: „ Wie fast überall fehlen auch uns die Sechzigjährigen, die sich mit ihren Erfahrungen einbringen  und Verantwortung übernehmen.“
Zoltan Prenghy (Ungarn; MDF-Senioren) gab seiner Freude über den Wahlsieg bürgerlicher Kräfte Ausdruck. „Nach acht Jahren sozialistischer Misswirtschaft sind die Senioren nun nicht mehr der Wirtschaft und willkürlicher Preisgestaltung unmittelbar ausgeliefert.“ Daraus schöpften die Seniorenverbände des Landes neue Hoffnung.
Dr. Nikolay Andreev, Präsident der SGERB (Bulgarien) und Jozef Miklosko, Chef der Christlichen Senioren der Slowakei, vermittelten Eindrücke in ihr vielseitiges politisches Engagement. Es hat dazu geführt, dass sich viele ältere Bürger in der ESU-Familie inzwischen wohlfühlen. Im Mai 2011 – so Andreev – werde eine Regionalkonferenz in Sofia stattfinden.
 Luc Vandeputte, Stellvertretender Generalsekretär der Europäischen Volkspartei (EVP) mit Sitz in Brüssel, bezeichnete die ESU als „Rückgrat“ der EVP. Sie habe sich durch Mitarbeit am Wahlprogramm 2009  und Vorbereitung einer Konferenz zur sozialen Marktwirtschaft große Verdienste erworben. Für 2012 kündigte er einen „Zukunftskongress“ an, der die Diskussionen in der ESU – speziell zum Ehrenamt – aufnehmen wird. Es werde aber auch um die Situation der Familien und das Verhältnis zu den Kirchen gehen. In einem Gespräch mit Präsident Worms hatte Vandeputte zuvor  eine stärkere finanzielle Beteiligung der EVP an den Kosten des ESU-Kongresses zugesagt. Damit ist aus Sicht des Reporters eine längst anstehende Entscheidung gefällt worden.

1. Sommerakademie der ESU für Senioren - Führungs-kräfte in Wien, August 2010
Die Damen Zarina und Putnina (Lettland) sowie Tatyana Zelko (Belarus) (v.l.n.r)

Die Teilnehmer verließen Wien  in der Gewissheit, dass ihr Engagement unerlässlich ist und die Gemeinschaft der Europäischen Senioren Union die notwendige Basis für ihr erfolgreiches politisches Handeln in gegenseitigem Respekt und  in Freundschaft bietet.



Text und Fotos: U. Winz