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Malta: Die Älteren stets im Blick der Politik

Bericht über die Regionalkonferenz „Süd“
in Kooperation mit der EVP

Text und Fotografien von
Ulrich Winz

(Valletta, 2.-4. Mai 2010) Im Vergleich zu anderen Ländern lebt die ältere Bevölkerung auf dem maltesischen Archipel unter guten sozialen Bedingungen. Sie genießt hohe moralische und soziale Achtung in der Gesellschaft. Dafür spricht – u.a. -, dass
- Rentner ohne Einbußen bei ihren Altersbezügen in der freien Wirtschaft (nicht in der staatlichen Verwaltung!)weiterhin berufstätig sein können (8000 sind es derzeit, und es werden mehr);
- viele Ältere die Geschicke in ihren Kommunen mitbestimmen und der staatlichen Verwaltung als gefragte Ratgeber gelten, und
- Senioren-Tagesstätten auf Malta und Gozo (den beiden größten der drei Inseln) Hilfsbedürftigen und Einsamen zur Verfügung stehen.

Regionalkonferenz „Süd“, Malta, Mai 2010
Dr. Eddie Fenech Adami (rechts) im Gespräch mit (von links) Gastgeber Alfred Scerri (M), Thanos Michael (CY), Maria Mantziafou-Kanellopoulou (GR) und Carlo Fatuzzo (I)

Wem ist das zu verdanken?
Nun, als Dr. Edward Fenech Adami von der Partit Nazzjonalista (PN) – heute hoch geschätzter Ehren- Staatspräsident – 1987 die Regierung übernahm, machte er ein Ende mit Diskriminierung wegen des Alters und holte die älter Gewordenen in die Gesellschaft, in das Leben, zurück. Für ihre Belange wurde ein hohes Regierungsamt geschaffen (heute im Range eines Staatssekretärs im Gesundheits- und Senioren-Ministerium). Die Folge: ein neues Altersbild. Es entspricht dem stetig wachsenden Anteil der Älteren, der anderen europäischen Ländern vergleichbar ist.
Es wundert nicht, dass die Politiker auf der 1. ESU-Regionalkonferenz in Malta gern darüber sprechen. Sie haben allen Grund dazu. Die starke aus Zypern angereiste Delegation der „Senior Citizens Organisation“ mit ihrem neuen Präsidenten Thanos Michael hört aufmerksam zu. Erstaunt ist auch die Vizepräsidentin der ESU aus Griechenland, Maria Mantziafou-Kanellopoulou (Nea Demokratia). Ihr Kollege Carlo Fatuzzo, Präsident der Pensionistenpartei Italiens (2000 Mitglieder), lässt sich vor Begeisterung gar zu einem Vergleich mit „paradiesischen Verhältnissen“ hinreißen.
Mit Beifall wird eine Botschaft des ESU-Präsidenten Dr. Worms aufgenommen, in der es heißt: „Die ESU ist stolz auf ihre maltesischen Freunde“.

Anerkennung durch politische Prominenz Mit Freude hören die Gäste aus dem Ausland ihren maltesischen Kollegen Alfred Scerri, den Vorsitzenden der APAN (Assocjazzjoni Pensjonanti Anzjani Nazzjonalisti / Accociation of Nationalist Pensioners and Elderly), der von gutem Einvernehmen mit der „Mutterpartei“ PN erzählt. So sei die sehr sorgfältige Vorbereitung und umsichtige Durchführung - einschließlich Kofinanzierung - dieser 1. ESU-Konferenz auf maltesischem Boden nur eines von vielen Beispielen.

Regionalkonferenz „Süd“, Malta, Mai 2010
Das „Willkommensfoto“ (Mellieha)

Als Tagungsstätte diente das PN-Hauptquartier nahe Valletta. Der Verfasser dieses Berichtes fragte sich alsbald: Wo in Europa folgt nahezu die gesamte Führungselite des Staates und der Regierungspartei einer Einladung zu solch einer Tagung? Dieses sind einige der prominenten Redner:

  • Der Ehrenpräsident des Staates Malta, Dr. Adami, begrüßte die Teilnehmer im Seniorenhaus von Mellieha (2008 eingeweiht), das „eine Frucht gezielter politischer Tätigkeit des Staates“ sei und von der EU mitfinanziert wurde. Unüberhörbar sein Appell, den Senioren-organisationen überall in Europa die erforderliche Unterstützung zu geben.
  • Gesundheits- und Senioren-Minister Dr. Joseph Cassar und sein Parlamentarischer Staatssekretär für Angelegenheiten der älteren Generation, Mario Galea, zeichneten Beweggründe, Methoden und Ergebnisse staatlicher Seniorenpolitik seit 23 Jahren nach.
  • PN-Generalsekretär Dr. Paul Borg Olivier (Bildmitte) nannte „seine“ Senioren einen „aktiven Teil der Partei“ (Alle 7000 APAN- Mitglieder gehören der PN an!). Gemeinsam arbeiteten sie für die Sicherung der maltesischen Wohlfahrts- gesellschaft – allen finanziellen Problemen zum Trotz. Dem Ziel, Älteren möglichst lange die gewohnte Umgebung zu bewahren, dienen seinen Angaben zufolge: medizinische Betreuung und Pflege daheim, Essen auf Rädern, telefonisch erreichbarer Reparaturservice, Vermittlung von Haushaltshilfen, ein dichtes Netz an Tageszentren (16 bestehen bereits), „Nachtzentren“ und anderes.

Regionalkonferenz „Süd“, Malta, Mai 2010
PN-Generalsekretär Dr. Paul Borg Olivier (Bildmitte) bei seinem Vortrag. li.: Alfred Scerri; re. Rudolf Cini (Moderator)

Antworten auf die Altersarmut
Also: Auf die Frage nach der „Alterarmut“ – 2010 ein wichtiges EU-Thema – gibt die maltesische Gesellschaft überzeugende und froh stimmende Antworten. Indem sie – wie der parlamentarische Assistent Dr. Peter Micaleff hervorhob - neben vielen anderen Maßnahmen kostengünstige Klinikaufenthalte schafft, pflegende Angehörige unterstützt, niedrige Fahrpreise für Bus und Fähre nach Gozo anbietet. Ab 60 erhalten Malteser einen Ausweis mit Lichtbild, der ihre Ansprüche garantiert. Zu denen ab Lebensjahr 75 noch einige Vergünstigungen hinzu kommen. Solch ein Ausweis machte bei den ausländischen Gästen die Runde und sorgte für Aufsehen.

Seniorenverbände in der Pflicht
Malta allein hätte diese Konferenz mit dem Titel „Die Älteren – Aktivposten, keine lästige Verpflichtung“ (englischer Originaltitel: „The Elderly – an asset not a liability“) also eigentlich gar nicht nötig gehabt, denn hierzulande zweifelt niemand an dieser These. Systematisches politisches Handeln brachte die Bestätigung, dass sich der finanzielle und organisatorische Aufwand lohnt. Für die Gesellschaft wie für jeden Einzelnen. Dass sie dieses Thema mit europäischen Nachbarn diskutieren wollten, beweist das Solidaritätsbewusstsein der Ausrichter – PN und APAN. Diesen Gedanken vertieft der Internationale Sekretär der PN, Dr. John Bonello, der eine erheblich gewachsene Lebensqualität bei den Älteren in Malta feststellt und zugleich– auch unter dem Eindruck der Schilderungen aus Griechenland, Italien und Zypern - die Mitverantwortung der Seniorenverbände aller Länder Europas für ähnliche Ergebnisse herausstellt.

Regierungschef von ESU angeregt
Dr. Lawrence Gonzi, Ministerpräsident und Partei-Vorsitzender (Bildmitte), will es kaum glauben, dass es in der Familie der Europäischen Volkspartei (EVP/EPP) in Bezug auf Senioren- organisationen noch immer „weiße Flecken“ gibt. Und dies, obwohl die EVP-Kongresse von Rom (2007) und Warschau (2009) alle Parteiführungen zur Gründung von Seniorenverbänden mit einem von der ESU initiierten Beschluss aufgefordert haben. Mit dem polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk, Vorsitzender der „Bürgerplattform“ („Platforma Obywatelska“) wolle er in diesem Sinne reden, erklärte Dr. Gonzi im Gespräch mit dem Verfasser.
Regionalkonferenz „Süd“, Malta, Mai 2010
Nach der Schlussrede des Premierministers und PN-Parteivorsitzendem Dr. Lawrence Gonzi (Bildmitte) in der Parteizentrale in Pieta, nahe Valletta
Für seine Schlussrede habe er sich von Aussagen der Europäischen Senioren Union im Internet anregen lassen, so der Regierungs- und Parteichef. Die ESU hätte Schritte für solidarisches Leben in einer veränderten Welt gewiesen. Dazu gehörte die Stärkung der inneren Werte und die Sicherung individueller Rechte.
Die Würde des Menschen von Anfang an sichern, von der älteren Generation lernen, Alte und Behinderte einbeziehen – das sei Programm seiner Regierung und müsse überall zum Ziel gemacht werden. Auf ihrer Internetseite nennt die PN als ihr Ziel die demokratische Entwicklung, beruhend „auf Freiheit und sozialer Gerechtigkeit für Malteser, (ferner) auf christlicher und europäischer Tradition“. Angestrebt wird „eine Gesellschaft mit gleichen Möglichkeiten für jedermann“. Die Partei „arbeitet für die europäische Einheit, für Frieden und Gerechtigkeit weltweit sowie für die Entwicklung aller Bürger, insbesondere der Mittelmeerregion.“
Erfolge und Defizite, länderübergreifende Probleme und Chancen mit einer älter werdenden Bevölkerung machten den Inhalt mehrerer Vorträge und Diskussionsbeiträge aus, auf die im Rahmen dieses Berichtes leider verzichtet werden muss.. Das Wort nahmen Maria Mantziafou-Kanellopoulou (GR), Carlo Fatuzzo (I), Dr. Frank Bartolo, Alfred Scerri (M), Lina Caruana (M), Joe Cilia (M), Ulrich Winz (D), Rudolph Cini (M) und Thanos Michael (CY).

Zypern – eine klaffende Wunde
Wie tief bei zypriotischen Senioren der Schmerz über die Vertreibung aus ihrer Heimat im Norden des Landes 1974 noch immer sitzt, bewies die Schilderung der damaligen Vorgänge und ein Hilferuf aus dem Kreis der Betroffenen. Es wurden Vergleiche mit der gewaltsamen Spaltung Berlins und Deutschlands zwischen 1961 und 1989 angestellt. Man kam überein, im Namen der ESU und mit der Unterschrift der in Malta versammelten Seniorenverbände eine Resolution zu erarbeiten, die eine erneute diplomatische Initiative zur Lösung der Zypernfrage verlangt.

Mellieha
Die Regionalkonferenz „Mittelmeerraum“ hatte in Mellieha, einer Kleinstadt im Nordwesten Maltas, begonnen, wo auch die Fähren zu den Inseln Gozo und Comino anlegen. Die Gäste aus dem In- und Ausland nahmen an einer Prozession teil, verharrten in der berühmten Marienkapelle, deren Fresko dem Evangelisten Lukas zugeschrieben wird, und überzeugten sich vom hohen Standard des Senioren-Hauses, in dem bis zu 350 Bewohner oder Kurzzeitgäste Platz finden.

Regionalkonferenz „Süd“, Malta, Mai 2010
Die Konferenzteilnehmer nehmen an einer Prozession um die Marienkirche Mellieha teil.
Mellieha, St. Marien-Kapelle, eine bekannte Wallfahrtsstätte, deren auf Holz gemaltes Altarbild der Werkstatt des Evangelisten Lukas zugeschrieben wird.

Versuch eines Fazits
Die Konferenz behandelte zentrale Themen, stärkte das Bewusstsein und die gemeinsame Verantwortung für „das e i n e Europa“ und begründete Freundschaften – zwischen den Repräsentanten der Seniorenverbände und ihren Mitgliedern. Es wurden Erfahrungen ausgetauscht, die dem Erstarken der ESU- Mitgliedsverbände dienlich sind, und Möglichkeiten für weitere Begegnungen erörtert. So hat sich wieder einmal eine Regionalkonferenz als spezifisches „Arbeitsfeld“ der Europäischen Senioren Union bewährt.

Auf Schritt und Tritt: Geschichte und Kultur
Malta entwickelte sich unter dem Einfluss u.a. der Phönizier, Griechen, Römer, Araber, des Malteser-/Johanniterordens und der Briten. Zur großartigen Hinterlassenschaft gehören unvergleichliche Tempel und Grotten (teils aus dem 4. Jahrtausend v. Chr.), von denen zwei – „Hypogäum“ und „Gigantija“ (Ġgantija) - UNESCO-Schutz genießen. Beim Besuch des Archäologischen Museums Valletta ermöglichten die freundlichen Gastgeber einen Blick auf die spektakulärsten Funde. Die Hauptstadt selbst mit der St.John Ko-Kathedrale (Foto) und ausgedehnten Festungsanlagen zählt ebenfalls zum Weltkulturerbe und ist Jahr für Jahr Ziel Zehntausender Touristen aus der ganzen Welt. Darunter sind viele, viele Reisende im Seniorenalter, mit denen Maltas Wirtschaft rechnet und rechnen k a n n. Malta wurde 1964 von Großbritannien unabhängig, ist seit 1976 Republik, gehört seit 2004 (als kleinstes Land) der EU an und führte 2008 den Euro ein. Die christdemokratische, konservative PN erzielte 2008 über 49 % der Wählerstimmen.



Text und Fotos: U. Winz