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Blick zurück und Zukunft gestalten
Eindrücke von der 4. Regionalkonferenz „Ost“ der ESU / Von Ulrich Winz
DRESDEN, 9. Mai 2009. Wer – wie die ESU – Freiheit, Demokratie und Rechtstaatlichkeit als einzig menschenwürdige Grundordnung der Gesellschaft ansieht, muss dafür kämpfen. Keiner ist zu alt dafür.
Vor den Wahlen zum Europäischen Parlament ist jeder aufgerufen, Unschlüssigen die Vorzüge dieser unaufgebbaren Prinzipien zu erläutern, erklärte ESU-Präsident Dr. Worms in Dresden. Je stärker die EVP/DE-Fraktion im Parlament, desto größer die Chance, mittels sozialer Marktwirtschaft in möglichst vielen Ländern mit neuen Impulsen aus der Finanz- und Wirtschaftskrise heraus zu kommen und wieder Mut zu fassen. Für Vizepräsident Leif Hallberg (Schweden) ist Europaskepsis Ausdruck einer selbst verschuldeten Isolierung, die in vertrauensvollen Gesprächen mit uns Älteren überwunden werden kann.
| 4. Regionalkonferenz „Ost“ der ESU, Dresden, Mai 2009 |
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| Foto 1: Empfang durch den Chef der Sächsischen Staatskanzlei, Dr. Joachim Beermann (2.v.l.), neben ihm ESU-Präsident Dr. Bernhard Worms |
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Vorträge und Diskussionen auf der ESU-Regionalkonferenz „Ost“ bezogen sich – entsprechend dem Hauptthema der Konferenz – auf „EUROPA als gemeinsames ERBE und gemeinsame ZUKUNFT“.
Dieses breite Spektrum ließ Raum für historische Reminiszenzen, zeitkritische Analysen und Vorstellungen für das Vereinte Europa der nächsten Jahre. Das Datum der Konferenz – 7. bis 9. Mai - veranlasste mehrere Redner, persönliche Bilanz zu ziehen. Tadeusz Sobolewicz, ein 85jähriger Holocaust-Überlebender, griff die Forderung von Bernhard Worms nach „Wahrnehmung der Verantwortung“ auf. Solange ihn die Beine tragen, werde er von den Schrecken nationalsozialistischer Gewaltherrschaft berichten und die „Menschenwürde um jeden Preis verteidigen“. Das zuvor von Janusz Marszalek, dem Stadtpräsidenten, vorgestellte Projekt „Hügel der Versöhnung“ in Oswiecim (bei den Nazis „Auschwitz“ ) verdiene weltweite Unterstützung, da es helfe, den Eid der Befreiten von 1945 zu verwirklichen. Einer der Steine, die 2011 auf dem Hügel einen Ehrenplatz finden sollen, stammt den Worten Marszaleks zufolge aus dem Steinbruch in Flossenbürg (Bayern) und trägt die Nr. 23053 , unter der Sobolewicz im dortigen KZ - einem von sechs, die er erleiden musste - eingekerkert war. Weitere Steine sind in Oswiecim willkommen, betonte der Stadtpräsident, der – von Bernhard Worms dazu beglückwünscht – kürzlich zum „Präsident der Gemeinden Europas“ berufen wurde.
| 4. Regionalkonferenz „Ost“ der ESU, Dresden, Mai 2009 |
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Foto 2: Janusz Marszalek (Oswiecim) mit einem Stein für den „Hügel der Versöhnung“ Foto 3: Moderator Dr. Joachim Klose (links) mit Silvia Vlachova und Dr. Vaclav Roubal aus Tschechien
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Im Blick auf das zweite Konferenzthema „Europäische KULTURTRADITION – aneignen, bewahren, fördern“ zitierte Sobolewicz in Verehrung des deutschen Dichters Schiller aus dessen „Ode an die Freude“ die Vision „Alle Menschen werden Brüder“ . Die Europäische Senioren Union tut gut daran, weiter für dieses Ziel zu arbeiten, rief er unter dem Beifall seiner Zuhörer aus vier Ländern, unter denen sich auch Jugendliche befanden.
Diese werden gern gehört haben, dass Dr. Peter Jahr , der Mitglied des Deutschen Bundestages ist und für das Europäische Parlament kandidiert, Generationenkonflikten eher gelassen gegenüber steht. Es stimme einfach nicht, dass „das Alter die Jugend überstimmt.“ Viel größere Sorgen machten ihm die vehement vertretenen Gruppeninteressen, die zu einer Gefahr für die demokratische Entwicklung werden könnten. Mit dieser Einschätzung hat er sich und seiner Mitbewerberin Brigitte Wenzel-Perillo, die nach ihm das Wort nahm, Aufgaben für die neue Legislaturperiode in Brüssel und Straßburg gestellt.
Mit welchem Elan Dresdener Bürger schon kurz nach dem Inferno des 13. Februar 1945 und der Befreiung vom Nationalsozialismus durch die Rote Armee zu Werke gingen, machte Prof. Dr. Gerhard Glaser mit einem Video-Vortrag deutlich. Der langjährige Landeskonservator Sachsens nannte als die „vier Identität stiftenden Monumente“: Zwinger, Oper, Schloss und Frauenkirche. Sie sind inzwischen wieder hergestellt worden, teils erst nach der Friedlichen Revolution von 1989/90. Den relativ zeitigen Wiederaufbau der Kreuzkirche – Heimstatt des weltbekannten Knabenchores der „Kruzianer“ und erstes nutzbares großes Gotteshaus in der Innenstadt – bezog Glaser in seine Betrachtung nicht ein - ebensowenig wie die Kathedrale (frühere kath. Hofkirche). Zu Recht beklagte er aber den Verlust der Sophienkirche, deren Wiederaufbau staatlicherseits verhindert wurde.
Jahrhundertelang waren in Dresden Künstler aus Europa zu Werke gegangen und begründeten die „europäische Kulturtradition“. Heute genießt Dresden den Status eines „Weltkulturerbes“.
Durch Spaziergänge über die Brühlsche Terrasse und den Neustädter Markt sowie durch Einkehr in die Frauenkirche und die Kathedrale mit Orgelkonzert, Führung und Gebet gewannen die auswärtigen Tagungsteilnehmer Eindrücke von den vielfachen Reizen der als „Elbflorenz“ berühmten sächsischen Metropole, die im 18. Jahrhundert mit der polnischen Geschichte (August der Starke!) eng verwoben war.
Für den ESU-Präsidenten war es ein besonderes Anliegen, am Gedenkstein für die frühere Synagoge und für die Bombenopfer des 13. Februar 1945 Blumengebinde niederzulegen.
Dem Staatsminister a.D. Dr. Hans Geisler ist aus eigenem Erleben eine Abfolge der zur Friedlichen Revolution in Dresden führenden Aktionen zu danken. Stellvertretend nannte er:
„Schwerter zu Pflugscharen“ (1978) und die Gebetsketten zur Ruine der Frauenkirche (1981/82) . Zehn Jugendliche kostete damals ihr Aufruf zur friedlichen Demonstration Gefängnishaft.
Geisler stellte aber auch fest: Ohne den Aufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR, die „Charta 77“ in der Tschechoslowakei, „Solidarnosc“ ( 1979 in Polen gegründet), sowie Gorbatschows „Glasnost und Perestroika“ (seit Mitte der 80er Jahre) wäre das mutige Vorgehen der Bürger Osteuropas erfolglos geblieben.
| 4. Regionalkonferenz „Ost“ der ESU, Dresden, Mai 2009 |
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Foto 4: Dr. Herbert Wagner (Dresden) schildert seine Erlebnisse von der friedlichen Revolution. Neben ihm: Dr.-Ing. Rainer Jork, Bundesvorstand der CDU-Senioren-Union Foto 5: Die Delegierten aus Litauen (v.l.n.r.): Romualda Hofertiene, Irena Tumaviciute und Jonas Volungevicius
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In seiner Reflektion über bewahrenswerte europäische Kulturtraditionen ging Geisler bis in die Antike zurück, die er als Quelle der „Würde des Menschen in seiner Einmaligkeit“ kennzeichnete; er rechnete die freie und zugleich verantwortungsvolle Erforschung und Nutzung der Naturwissenschaften ebenso dazu wie die „Ordnung des Rechts“. So sei das in Osteuropa erst seit 1989/90 eingeführte Verwaltungsrecht (ermöglicht Kontrolle des Staates!) eine „verteidigenswerte kulturelle Leistung“.
Wie es mit den regimekritischen Aktionen in Dresden 1989 weiterging, verdeutlichte Dr. Herbert Wagner, von 1990 bis 2001 Oberbürgermeister Dresdens. Er gehörte zur „Gruppe der 20“, die in Dresden im Oktober 1989 den politischen Wandel in der Stadt vollzogen. Am 8.10., so erinnerte er, wurde hier erstmals in einer Großstadt „die Spirale der Gewalt durchbrochen“. Das wirkte sich motivierend auf Leipzig und andere Städte aus. Aus Depression wurde binnen weniger Stunden Hoffnung, Freude, Erwartung. Anlässlich des 20. Jahrestages dieser Ereignisse, die schließlich zur deutschen Einheit führten, finden 2009 in 37 deutschen Städten und in Prag Veranstaltungen statt. Am 9. Oktober (Tag der friedlich verlaufenen Demonstration im Jahre 1989) wird in Leipzig der Bundespräsident zu einer Gedenkfeier erwartet.
In diesem Zusammenhang verdient die Konrad-Adenauer-Stiftung, Bildungswerk Dresden, gewürdigt zu werden. Sie hat nicht nur diese Tagung ermöglicht und mit ihrem Chef Dr. Joachim Klose den Moderator gestellt, sondern sich auch einer Vortragsserie verdient gemacht, die über Monate läuft. Unter dem Motto „Wie schmeckte die DDR ?“ wird
Geschichtskenntnis vermittelt und dem Versuch entgegen getreten, die Verhältnisse zwischen 1949 und 1989 in Ostdeutschland „schön zu reden“.
Diesem bis heute aktuellen Thema widmete sich auch Dr.-Ing. Rainer Jork (Radebeul) in einem grundlegenden Beitrag, der – aus Zeitgründen – nicht gehalten wurde, aber zur Verfügung steht. Dr. Jork ist Vorsitzender der Arbeitsgruppe „Neue Länder“ bei der CDU-Senioren-Union, gehört dem Bundesvorstand an wie auch dem Arbeitsstab „Ost“ der ESU. Er hat die Konferenz vor Ort vorbereitet. (Interessenten für seine Rede wenden sich an das ESU-Generalsekretariat, Hermann-Seger-Str. 23, D-50226 Frechen; E-Mail: esu@cdu.de ; Tel.: 02234 188 418.).
Für Silvia Vlachova (Ceske Budejovice /CZ) sind 1989 – mit der „Samtenen Revolution“ und 2004 – der EU-Erweiterung u.a. um die Tschechische Republik – „Träume in Erfüllung gegangen“. Durch zahlreiche Beispiele belegte sie den hoffnungsfrohen, konfliktreichen Demokratisierungsprozess der jüngsten 20 Jahre. Ihre „Senioren-Plattform“ vermittelt der jüngeren Generation politische Erfahrungen und ermuntert sie, gegen alle Anzeichen von Neonazismus und Neokommunismus, gegen alle Formen der Gewalt vorzugehen. Die Veranstaltungen des laufenden Jahres – so Frau Vlachova – stehen unter dem Motto „Europa ohne Barrieren“.
Die Vereinigung der Christen Europas in Tschechien setzt sich im Einklang mit der christlichen Botschaft für die Bewahrung der Menschenwürde von Anbeginn an ein. Wie ihr Vorsitzender, ESU-Vizepräsident Dr. Vaclav Roubal, hervorhob, fühlt sich die Gruppe dem Wirken der Missionare Cyril und Method aus dem 9. Jahrhundert verpflichtet. Solidarität mit den Schwächeren der Gesellschaft zu üben ist für die Senioren Ehrensache. Im Rat der Regierung für Seniorenangelegenheiten erheben sie ihre Stimme, wenn es um Alterssicherung, Gesundheitspolitik und Mitwirkung der Älteren in der Gesellschaft geht.
Schließlich trat Romualda Hofertiene aus Vilnius (LT), der „Europäischen Kulturhauptstadt 2009“, ans Rednerpult. Mit ihrem Hinweis darauf, dass ihre Dolmetscherin, die Germanistin und Reiseführerin Irena Tumaviciute, als Kind fast zehn Jahre Sibirien aushalten musste und ihr Vizevorsitzender Jonas Volungevicius – ebenfalls anwesend – lange Zeit im sowjetischen GULAG eingekerkert war, erweckte sie tiefe Betroffenheit wie eingangs der KZ-Überlebende aus Polen.
Angesichts solcher Erfahrungen, die in Litauen zehntausendfach anzutreffen sind, war es für Frau Hofertiene gar keine Frage, am 11. März 1990 die Unabhängigkeitserklärung für Litauen zu unterschreiben. Inzwischen war sie Abgeordnete des Parlaments und Vorsitzende des Litauischen Lehrerverbandes. Die Demokratie im eigenen Land und bei den Nachbarn zu stärken, ist für sie selbstverständlich. Mit der Senioren-Union in Baden-Württemberg (D) wird ein intensiver Gedankenaustausch gepflegt. Das Zusammenwirken mit der jungen Generation hat bei den Senioren der Vaterlands-Union und Christdemokraten Tradition.
Dieses sind Hofertienes Anregungen für die EU:
- Herausgabe eines gemeinsamen Geschichts-Lehrbuches
- Ausstrahlung von Sendungen über die europäische Geschichte.
Nach den Worten der Rednerin erfordert die Situation in ihrem Heimatland , den Kampf gegen den Kommunismus fortzusetzen. Seine Verbrechen wären noch größer gewesen als die der anderen Diktatur des 20. Jahrhunderts, betonte sie.
| 4. Regionalkonferenz „Ost“ der ESU, Dresden, Mai 2009 |
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| Foto 6: Brühlsche Terrasse in Dresden, „Balkon Europas“. ESU-Präsident Dr. Bernhard Worms (2.v.r.) mit dem Kreisvorsitzenden der Jungen Union Meißen, Titus Reime (rechts) Teofil Stanislawski (Polen) und lks. Ulrich Winz, ESU-Koordinator „Ost“, Verfasser dieses Berichtes. |
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Weitere Höhepunkte der dreitägigen Konferenz stellten Begegnungen mit dem Chef der Sächsischen Staatskanzlei, Minister Dr. Johannes Beermann, und Repräsentanten des Verbandes der Sächsischen Wirtschaft dar. In Rede und Gegenrede wurden Gedanken über die gegenwärtige politische und ökonomische Situation ausgetauscht, der sich Empfänge anschlossen. Präsident Dr. Bernhard Worms dankte für die Gelegenheit, die Europäische Senioren Union vorzustellen, und versicherte den Gastgebern, dass unsere Vereinigung an der Gegenwart und Zukunft der Weltkulturerbe-Stadt Dresden und ihrer Region regen inneren Anteil nimmt.
Am Elbeufer nahmen Teilnehmer der Tagung die weit fortgeschrittenen Bauarbeiten für die umstrittene neue „Waldschlösschen-Brücke“ in Augenschein, die möglicherweise dem „Welterbestatus“ für Dresden schaden könnte.
Begonnen hatte die Regionalkonferenz der Ev.-Reformierte Pfarrer Westing. Unter Bezug auf ein Wort von Paulus an die Römer („Ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht…“) schenkte er allem aufrichtigen Handeln seinen Segen.
Die gastgebende Landesvorsitzende der sächsischen Senioren-Union, Friederike de Haas, Staatsministerin a.D. und Mitglied des Landtages, bezeichnete die Wahl von Dresden für die ESU-Konferenz als hohe Ehre und wünschte ihr einen guten Verlauf.
Text: Ulrich Winz, Fotos: Dr.-Ing. R. Jork (1, 2); U. Winz (3-6)
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