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3. ESU-Regionalkonferenz „Ost“ in Vilnius, Juni 2008
Foto 1: Delegierte und Gäste aus 7 Ländern trafen sich Mitte Juni im „Domus Maria“ der litauischen Hauptstadt VILNIUS zur Regionalkonferenz „Ost“. (Foto ESU)

Für die ESU ist gesellschaftliche Mitarbeit unerlässlich /
Präsident Dr. Worms: Neue Impulse durch die 3. Regionalkonferenz „Ost“ in Vilnius /
Erklärung zu den kommunistischen Verbrechen verabschiedet

Text und Fotografien von
Ulrich Winz

Vilnius (17. Juni 2008). Von der 3. Regionalkonferenz „Ost“ der ESU gehen vielfältige neue Impulse aus, erklärte Präsident Dr. Bernhard Worms (D) zum Abschluss der Tagung in der litauischen Hauptstadt. Das beträfe die gesellschaftliche Mitarbeit der älteren Generation wie ihr Zusammenwirken mit der Jugend. Er rief alle politisch interessierten Senioren Europas auf, durch kontinuierliches bürgerschaftliches Engagement „Licht in den oft grauen Alltag zu bringen“. Darin bestünde ein Gewinn für sie selbst, ihre Altersgenossen und für das ganze Land.

Die durch die friedlichen Revolutionen der Jahre 1989/90 in Ostmitteleuropa gewonnene politische Freiheit gelte es verantwortungsvoll zu nutzen . Die Gestaltung und Festigung demokratischer Strukturen müsse dabei Vorrang haben. Das bis heute lebendige christliche und kulturelle Erbe lohne den Einsatz jedes Einzelnen, der sich dazu in der Lage sieht. Unsere Seniorenverbände sollten sich in jedem Land als Vermittler für politische Ehrenämter verstehen.

Zwei Tage lang hatten Repräsentanten von Seniorenverbänden der ESU aus Litauen, Polen, Tschechien, der Ukraine und Deutschland beraten, welche „Erfahrungen ostmitteleuropäische Senioren mit gewonnener Freiheit und gesellschaftlicher Mitarbeit“ (so das Generalthema) bisher gesammelt haben. Die Konferenz wurde mit der Konrad-Adenauer-Stiftung, Verbindungsbüro Litauen, und den beiden litauischen Seniorenverbänden, die der ESU angehören, gemeinsam veranstaltet. Einer der Höhepunkte war der Zusammenschluss der von Romualda Hofertiene (Vaterlands Union) und Jonas Volungevicius (Christliche Demokraten) geleiteten Organisationen, der unter dem Beifall der Delegierten und Gäste, darunter erstmals aus Belarus, vollzogen wurde. Die Zeremonie erlebten auch die ESU-Vizepräsidenten Dr. Roubal (CZ) und Hallberg (SE) mit.

Der Gründungsvater
Mit einer Analyse der gegenwärtigen Situation in Europa, u.a. gekennzeichnet durch das „Nein“ der Iren zum Verfassungsvertrag, lieferte Prof. Dr. Vytautas Landsbergis in seinem Eröffnungsreferat viel Stoff für die folgenden Redebeiträge. Mit Landsbergis, Mitglied des Europäischen Parlaments, sprach der Gründungsvater der Republik Litauen zur Versammlung; von 1990 bis 1992 war er auch Staatsoberhaupt. Seiner Beharrlichkeit und seinem diplomatischen Geschick ist es zu danken, dass die Befreiung von den Fesseln der UdSSR unumkehrbar wurde und Litauen bis heute eine Vorreiterrolle zukommt. Er machte den Senioren aller Länder Mut zu entschlossenem Handeln. Für Litauen stellte er „noch viele Spuren des unseligen Erbes“ fest; „die mentale Befreiung“ dauere an.

3. ESU-Regionalkonferenz „Ost“ in Vilnius, Juni 2008
  
Foto 2: In der Kathedrale Vilnius: Kapelle zur Erinnerung an die Verschleppten und verbannten Litauer. (Foto 3)

Bewegend für alle Konferenzteilnehmer war dann auch der Empfang durch den Vorsitzenden der vereinten Partei „Vaterlands Union /Litauische Christdemokraten“, Andrius Kubilius, in jenem Raum der Seimas, in dem 1992 die Verfassung Litauens mit der Unterschrift des damaligen Parlamentspräsidenten Landsbergis besiegelt und in Kraft gesetzt wurde. In einer Sitzungspause kam es auch zu einer Begegnung mit Andros Azubalis, dem stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden und Leiter des Auswärtigen Ausschusses.

Tief ergriffen legten die Konferenzteilnehmer an der Grabstätte für die Opfer des litauischen Befreiungskampfes vom Januar 1991 auf dem Antakalnis Friedhof einen Kranz nieder und sprachen ein litauisches Totengebet. Mit einem stillen Gedenken erinnerten sie sich im Plenum auf Vorschlag von Dr. Röpke (D) an all jene, die am 17. Juni 1953 beim Volksaufstand in der DDR ihr Leben lassen mussten.

Für gerechte Bewertung der Diktaturen
Mit einer einmütig verabschiedeten „Entschließung“ - erarbeitet vom Landsbergis-Vertrauten Ceslovas Stankevicius - forderte die Konferenz die europäischen Institutionen auf, nicht nur die Verbrechen des Naziregimes, sondern auch die von den kommunistischen Diktaturen in Osteuropa begangenen Verbrechen streng zu verurteilen. (Wortlaut der „Entschließung“ siehe hier  PDF Dokument .)

Am Vorabend des ersten Konferenztages hatten einige Gäste beim Stadtrundgang am Sitz des Staatspräsidenten verharrt, vor dem die Fahnen halbmast geflaggt waren . Der Anlass: Alljährlich am 14. Juni wird in Litauen der Tausenden von den sowjetischen Besatzungstruppen bei Annektierung des Landes 1940 nach Sibirien verbannten Litauer gedacht. Zu ihren Ehren wurde inzwischen auch eine Kapelle in der Kathedrale gestaltet. Um so erfreulicher wurde die Nachricht aufgenommen, dass einige der ehemals Verbannten in das gesellschaftliche Leben integriert sind und zu den Konferenzteilnehmern gehören.

Mit großem Interesse folgte das Plenum den Berichten aus den ESU-Mitgliedsorganisationen. Dr. Rainer Jork (Senioren-Union der CDU; D) stellte aus eigenem Erleben als Abgeordneter Erfolge und Versäumnisse der politischen „Wende“ in der DDR und der ersten Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung dar. Entschieden trat er Tendenzen von „DDR-Nostalgie“ in Ost-Deutschland entgegen.

3. ESU-Regionalkonferenz „Ost“ in Vilnius, Juni 2008
   
Foto 4: St. Anna - eine Hauptsehenswürdigkeit der „Kulturhauptstadt Europas 2009“
Foto 5: Geschichte der litauischen Literatur an einem Portal der Universität (gegründet 1579)

Belarus und Ukraine
Auf besondere Sympathie stießen Schilderungen aus der Ukraine (Volodymyr Dzjobak) und der Vorsitzenden der halblegal wirkenden belarussischen Seniorenorganisation „Unsere Generation“, Tatyana Zelko, der der ESU-Präsident zum Abschluss der Konferenz den Beobachterstatus im Exekutivkomiteee einräumte. Beide Berichte spiegelten das schwierige politische Umfeld. Dzjobak zählt nun bereits über 30.000 Mitglieder in seiner Organisation, die das Leben vieler älterer und kranker Bürger verbessern hilft. Von den 140 Parteien im Land arbeite keine für das Wohl der Bevölkerung.

Über die (begrenzten) Möglichkeiten zur politischen Tätigkeit im autoritär regierten Belarus referierte Stefan Malerius. Die Legalisierung eines Büros der Adenauerstiftung in Minsk werde immer wieder verschoben, so dass es z.z. seinen Sitz in Vilnius habe. Die Friedrich-Ebert-Stiftung wurde zur Schließung gedrängt. Die meisten Grundrechte im Land seien de facto außer Kraft.

Länderberichte
Dass auch das gastgebende Litauen schwierige Probleme zu meistern hat, stellte die frühere Sozialministerin Irena Degutiene dar. Die Lebenserwartung ist niedriger als im übrigen Europa; die Sterblichkeit zwischen dem 35. und 45. Lebensjahr hoch. Die Ursachen: Unfälle, Alkohol, Selbstmorde, Gewaltakte. Bei den Rentnern sei die Enttäuschung über die niedrigen Renten riesig. Ein Gesetz von 2001, wonach Rentner, die weiterarbeiten, durch Entzug der Rente bestraft wurden, ist abgeschafft. Viele Wissenschaftler, Lehrer, Ärzte arbeiteten auch nach der Pensionierung und füllen damit erhebliche Lücken.

3. ESU-Regionalkonferenz „Ost“ in Vilnius, Juni 2008
Foto 6: Sitz des litauischen Staatspräsidenten

Teofil Stanislawski kündigte einen Kongress seiner „Polnischen Volkspartei“ (PSL) an, der auch die Öffnung der „Parlamentariervereinigung“ (ESU-Mitglied) für alle politisch Interessierten beraten wird.
Dr. Vaclav Roubal (CZ) erinnerte an eine Fachkonferenz seiner “Christlichen Senioren Tschechiens” zum 40. Jahrestag des „Prager Frühlings“ und zu anderen historischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts, die sein Land betrafen: 1918, 1938, 1948 und die „Samtene Revolution“ von 1989/90, die die Möglichkeit eröffnete, sich so freundschaftlich wie hier in Vilnius zu begegnen und den Erfahrungsaustausch zu betreiben. In Tschechien werde z.z. die öffentliche und materielle Anerkennung älterer Frauen diskutiert, die sich aus christlicher Verantwortung um noch ältere und kranke Frauen sorgen. Die ersten Schritte seien getan.
Silvia Vlachova (CZ) ging auf das zehnjährige Bestehen ihrer “Seniorenplattform” der Freiheitsunion ein, die sich allen populistischen Parolen von Politikern widersetzt sowie neonazistischen und antisemitischen Aktivitäten entgegentritt. „Anfang Juni hatten wir Gelegenheit, in Budweis an einer Konferenz zur Versöhnung mit Israel teilzunehmen.“ Bewusst habe sich ihre Organisation 2002 der ESU angeschlossen, deren Ziele mit den eigenen übereinstimmten.

Generationen mögen und brauchen sich
Hatte Prof. Landsbergis zu Beginn im Blick auf die angeblichen Generationenkonflikte formuliert: „Wir brauchen keine Moralpredigten, sondern mehr Beispiele für gutes Miteinander“, so wurden sie von Radvile Morkunaite von der Liga Junger Konservativer in ihrer vielbeachteten Rede prompt geliefert. Die Gespräche mit den Großeltern seien letztlich für beide Seiten ein großes Glück, erklärte sie, und gemeinsame Aktionen mit den Seniorenverbänden gehörten inzwischen zum Alltag.

Erfreut nahmen Romualda Hofertiene und Jonas Volungevicius zur Kenntnis, dass sie Anfang Oktober in Baden-Württemberg erwartet werden. Erika Reinhardt, Stellv. Vorsitzende der CDU-Senioren-Union (D), überbrachte dazu eine Einladung von Freiherr Prof. vom Stetten, der auch Honorarkonsul in Litauen ist. Die vierköpfige litauische Gruppe wird eine Feier zum Tag der Deutschen Einheit miterleben und beim Kongress der Senioren-Union in Wiesbaden zu Gast sein.

Abgerundet wurden die Vorträge und Diskussionen mit einer Stadtführung in Begleitung der Dolmetscherin und Reiseleiterin Irena Tumaviciute, die mit den vielen Sehenswürdigkeiten der „Kulturhauptstadt Europas 2009“ bekannt machte und auch Trakai (40 km von der Hauptstadt entfernt) mit seiner einzigartigen Inselburg und einer religiösen Gemeinde der Karaimen vorstellte.

3. ESU-Regionalkonferenz „Ost“ in Vilnius, Juni 2008
   
Foto 7: Altstadtgasse
Foto 8: Präsident Dr. Worms (D) mit Jonas Volungevicius (2. v. l.) (LT) und deutschen Delegierten (v.l.: Horst Röpke, Dr. Rainer Jork, Dr. Joachim Kupfer)

Resumees
Romualda Hofertiene, die 1990 zu den Unterzeichnern der Unabhängigkeitsurkunde gehört hatte, stellte mit Bezug auf die Zeit vor 1990 fest: „Früher hatten wir in Osteuropa e i n e Sprache zu sprechen und verstanden uns oft nicht; heute sprechen wir zunächst einmal wieder unsere Muttersprachen, aber wir verstehen uns. Das macht die politische Freiheit, die uns verbindet.“ Und Präsident Dr. Worms fügte hinzu: Nach den Vorstellungen Adenauers war 1949 Europa die einzige Antwort auf die unseligen Ereignisse des 20. Jahrhunderts. Europa ist stolz, dass auch sein östlicher Teil, der jahrzehntelang durch den Eisernen Vorhang abgetrennt war, nun wieder ganz selbstverständlich dazu gehört und den ganzen Kontinent mit seiner Geschichte und Kultur, seinem christlichen Vermächtnis und Gestaltungswillen bereichert.“

Positionen
Im Ergebnis der Vorträge und Diskussionen bezogen die fast 50 Konferenzteilnehmer folgenden Positionen, mit denen sie an die Öffentlichkeit treten.

  1. Die Bevölkerung Europas wird immer älter. Die ESU betrachtet das nicht als Bedrohung, sondern als Segen !
  2. Mit den gewonnenen Lebensjahren dauert auch die Verantwortung des Einzelnen und der Seniorengeneration für die Gesellschaft länger an.
  3. Nach der beruflichen Tätigkeit und Pensionierung leisten viele Senioren eine beachtliche ehrenamtliche Tätigkeit, wozu sie die Seniorenorganisationen der ESU ermutigen.
  4. Der jungen Generation begegnen die Älteren und Alten mit Respekt, Verständnis und Hilfsbereitschaft, was sie auch von der nachwachsenden Generation erwarten können.
  5. Mit ihrer Lebensweisheit und politischen Erfahrung aus zwei Kriegen und zwei Diktaturen sind sie geeignete Partner für gemeinsame Projekte mit der jungen  Generation.
  6. Vorrang haben dabei in Ostmitteleuropa gemeinsame praktische Schritte zur Sicherung der vor zwei Jahrzehnten gewonnenen politischen Freiheit und die Stärkung der Demokratie in allen Ländern Europas.
  7. Die Teilnahme an demokratischen Wahlen aller Ebenen ist für Alt und Jung Bürgerpflicht und Ausdruck politischer Reife. Möglichst viele Bürger dafür zu gewinnen, sehen die mit der ESU verbundenen Senioren als eine besondere Verpflichtung an.
  8. Durch die Teilnahme der Älteren  an der gesellschaftlichen Entwicklung ihrer Länder geben sie ihrer dritten und Lebensphase einen Sinn und verwirklichen zugleich ein wesentliches Menschenrecht.
  9. Senioren repräsentieren einen immer größer werdenden Anteil der Bevölkerung, weshalb sie zu Recht den Anspruch auf angemessene Vertretung in den Parlamenten aller Ebenen  erheben – von der Kommune über den Kreis bis zur Nation und  Europa.
  10. Die ESU richtet von Vilnius aus an die politischen Parteien  Europas die Erwartung auf faire Chancen  für ältere Kandidaten für die Wahlen zum Europäischen Parlament am 7. Juni 2009. Das bedeutet, ihnen erfolgversprechende Plätze auf den Kandidatenlisten einzuräumen!
  11. Politisches Handeln gedeiht nur in vertrauensvoller Atmosphäre. Daher fordert die ESU – gestützt auf ihre Positionen (Dokument von 2003) und die Aktionen der UNO von Politik und Wirtschaft, allen Formen der Diskriminierung wegen des Alters – offen und verdeckt – entschieden entgegenzutreten.
  12. Senioren tragen gern Verantwortung in der Familie. Für Großeltern und Enkel ist das Wohnen in „Rufnähe“ ein erstrebenswertes Ziel. Es muss mehr und mehr zu einem gesellschaftlichen Anliegen werden, dass in allen Städten moderne Wohnformen angeboten werden.
  13. Die ESU unterstützt alle Bemühungen, die Mobilität älterer und behinderter Bürger so lange es geht zu bewahren. Dazu gehören barrierefreie Wohnungen und öffentliche Einrichtungen (Geschäfte, Büros, Verkehrsmittel, Straßenübergänge und anderes).
  14. Die weitere Entwicklung des Vereinten Europas liegt der ESU besonders am Herzen. Ihre Mitgliedsverbände lassen sich vom enttäuschenden „Nein“ der Iren zum Verfassungsvertrag nicht beirren, sondern setzen sich konsequent für die Fortsetzung der Ratifizierung in den letzten noch ausstehenden Ländern ein. Der Lissabonner Vertrag muss bald Wirklichkeit werden!
  15. Unter dem Eindruck der auf der Konferenz vertretenen Persönlichkeiten aus der Ukraine und Belarus bekräftigt die ESU von Vilnius aus ihre Entschlossenheit zur weiteren Integration dieser Länder. Sie sind integraler Bestandteil Europas und bedürfen unserer solidarischen Haltung. Die ESU-Präsidentschaft wird ihr Zusammenwirken mit den Seniorenverbänden dieser Länder weiter vertiefen.

Ulrich Winz

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