Die Zukunft hat längst begonnen
| Besuch der ESU in Oswiecim (Auschwitz) |
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Foto 1: Aufdem Weg zur "Todesmauer" im ehemaligen KZ Oswiecim (Auschwitz) Foto 2: Stilles Gedenken |
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Gutes Einvernehmen der Generationen in Oswiecim (Auschwitz)
Bericht über eine Reise der ESU Von Ulrich Winz
„Oswiecim war für mich und meine Begleiter ein vielfältiges Erlebnis“, resümierte ESU-Präsident Dr. Worms am 6. März nach Rückkehr aus der südpolnischen Stadt. „Hier erlebten wir, was Alt und Jung gemeinsam zu leisten vermag. Mehr noch: Wie stark Europa im Denken und Handeln der Generationen verwurzelt ist.“ Was Worms nicht aussprach: Die Wertschätzung gegenüber der Europäischen Senioren Union war allenthalben spürbar. Sie fand ihren Ausdruck in Worten und Gesten, die sich den Gästen tief in die Erinnerung gruben. Und sie ließ die ersten Projekte reifen: Da wäre zunächst die Teilnahme von Bürgern verschiedenster Altersgruppen an einem Gedenken zum Kriegsbeginn vor 70 Jahren. Es wird im Herbst 2009 in der Abtei Brauweiler (Ortsteil von Pulheim) begangen und mit einer Ehrung für Maximilian Kolbe, eines der Opfer des KZ Auschwitz, verbunden sein. Der Einladung, die Dr. Karlheinz Gierden für den Förderverein Brauweiler aussprach, wolle man herzlich gern nachkommen, äußerte Oberbürgermeister Janusz Marszalek. Ja, es sollte doch seiner Meinung nach auch über die Gründung eines „Stützpunktes“ der Europäischen Senioren Union in seiner Stadt nachgedacht werden. Das wäre ein Novum in der 13jährigen Geschichte unserer Vereinigung und ein weiterer Beleg für ihre wachsende Ausstrahlungskraft zugleich.
Früchte des Zusammenwirkens
Oswiecim ist eine aufstrebende Stadt. Die Nazis hatten sie in „Auschwitz“ umbenannt. Was sie hier vorhatten, sollte mit einem deutschen Namen verbunden sein. In der Tat: Bis heute, noch nach über 60 Jahren, ist die Stadt der Inbegriff für beispiellosen Massenmord in deutschem Namen. Dass sich trotz allem unweit des damaligen KZ und heutigen staatlichen Gedenkortes neues Leben entwickelte, ist verantwortungsvollem politischem Handeln zu danken. Vor allem seit 2002, der Wahl – Marszaleks zum Stadtoberhaupt. Der Aufschwung betrifft die Verwaltung der Stadt, die Abgeordneten, die Infrastruktur, die nach Oswiecim geholte „Staatliche Berufs-Hochschule“, gewerbliche Unternehmen und soziale Einrichtungen. Kirchliches Leben, Kultur und Sport haben gute Bedingungen. Namhafte Schwimmer kommen von hier.
Das Zusammenwirken großer Bevölkerungsteile zahlt sich für alle Generationen aus. Sie leben nach eigenem Urteil gern in der Stadt. Die Atmosphäre ist beispielgebend für die Entwicklung auch jenseits der Stadtgrenzen.
Stätte des Grauens
Oswiecim ist sich seiner Vergangenheit durchaus bewusst. Wer im Gedenken der Toten zahlreicher Nationen hierher kommt, ist gern gesehen. Aus aller Herren Länder strömen sie herbei, um die Stätten des Grauens Auschwitz und Birkenau in Augenschein zu nehmen, und sie verlassen die Stadt nachdenklich – und an historischem Wissen reicher. Denn manche museal gestalteten Zellengebäude erschließen Zusammenhänge, die das ganze Leben nachwirken. Das Gedenken der ESU-Gruppe an der „Todesmauer“ erlebte eine Schar junger Leute aus Polen schweigend mit. Zu einem Gespräch waren die Jugendlichen angesichts der Erlebnisse einfach nicht in der Lage.
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Foto 3: Der Kranz Bild 4: Zeitschrift „S wie Senior“ (S jak Senior) |
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Steine der Solidarität
Einige Besucher bringen Steine mit, auf denen die Herkunft lesbar ist. Sie haben ihren Platz im Ratszimmer. Wir lesen Nazareth, Rom, Hiroshima und Nagasaki, Jerusalem, aber auch deutsche Städte wie Hannover, Kerpen, Hildesheim, Göttingen, Amberg, Auerbach (Oberpfalz), Wolfen, Dresden und Magdeburg. Bei der Herkunft mancher Steine bedarf es der Nachhilfe – etwa von der „Klagemauer“. Diese und andere Zeugnisse weltumspannender Solidarität sollen eine würdige Platzierung erhalten. Mit einem bis auf 42 m Höhe aufgeschütteten Berg vor den Toren der Stadt wird sich dieser Friedenswunsch von Prof. Jozef Szajna und der Häftlinge vom KZ Auschwitz-Birkenau erfüllen. Der Anfang wurde mit der Grundsteinlegung am 14. Juni 2007 gemacht. Der Gedenk- und Versöhnungshügel soll – so Marszalek – den Blick auf die Gedenkstätte, die historische Altstadt und neue Wohnviertel frei geben. Zur Silhouette Oswiecims gehört seit über zwei Jahrzehnten die nach Maximilian Kolbe benannte Kirche. Ein 1994 gegründetes „Kinderdorf“ trägt den verpflichtenden Namen des Arztes, Schriftstellers, Pädagogen und polnischen Juden Dr. Janusz Korczak, der mit 200 Kindern seines Warschauer Waisenhauses 1942 freiwillig den Weg in das Vernichtungslager Treblinka angetreten hatte.
Kinder und Senioren in der Obhut
Kinder ohne leibliche Eltern und aus schwierigen sozialen Verhältnissen haben hier - wie damals bei Korczak - ein Zuhause. Frau Joanna Marko ersetzt ihnen die Mutter und teilt sich mit der jungen Hausherrin Sylvia Sadko die Verantwortung. Angelyka ist schon 12 Jahre hier. Träger ist die Stiftung „Näher am Menschen“ („Blizej Czlowieka“), ihre Geschäftsführerin ist Frau Marta Marszalek.. Unterstützung kommt von mehreren Seiten: aus Deutschland immer wieder durch den bayerischen Politiker Rudolf Kraus von der CSU-Senioren Union. Besonders froh ist man über die beiden Fahrzeuge für Behinderte und medizinische Notfälle von dem Malteser Hilfsdienst in Amberg. Bei zwei Häusern des 5 ha umfassenden „Kinderdorfes“ steht der Innenausbau noch an. Es fehlt an den nötigen Mitteln dafür.
Eine freundliche Atmosphäre herrscht auch in der Senioren-Tagesstätte („Dzienny Dom Pomocy“). Sie wird von Agata Klaja mit großer Einsatzfreudigkeit geleitet. Für die 67jährige Antonina Hurnik, eine gebürtige Litauerin, ist hier das Zuhause. Sie ist auf den Rollstuhl angewiesen und wird täglich hierher gefahren. Endlich kann sie ihrer künstlerischen Passion nachgehen: dem Kopieren berühmter Maler. Das Kaffeestübchen hängt voll davon. Die „Silberbraut“ von Gustav Klimt, dessen Schaffen es ihr besonders angetan hat, nahm Dr. Gierden mit ins Rheinland. Er prüft die Möglichkeit für eine Ausstellung der Bilder im Jahre 2009.
Die Heimleiterin fördert auch Talente im Chorgesang, beim Bemalen von Ostereiern, bei Handarbeiten und im Geräteturnen. Ja, selbst mit dem Computer beschäftigen sich die Besucher. Eine Physiotherapeutin ist gern gesehen im Haus. Hier ist auch die ehrenamtliche Redaktion der Zeitschrift „S wie Senior“ zu Hause. Sie wird kostenlos abgegeben und wirbt in der Stadt für die Tagesstätte. In der aktuellen zweiten Ausgabe stellt die verantwortliche Redakteurin Agata Klaja auch die ESU und die Mitglieder der Delegation vor, die dadurch schon bekannt sind, als sie die Senioren-Tagesstätte betreten.
Der ESU-Präsident schreibt ins Gästebuch: „Spuren gelebter Nächstenliebe haben wir wahrnehmen können. Gott segne die Stadt und alle ihre Bewohner. Unser Respekt gehört den hier Tätigen für ihre tägliche Arbeit zugunsten der ihnen Anbefohlenen.“
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Foto 5: Der gastgebende Oberbürgermeister Marszalek (Oswiecim); ESU-Präsident Dr. Worms; Dr. Karlheinz Gierden (v.l.n.r.) Foto 6: Dr. Worms am Rednerpult hat bei Studenten und Dozenten aufmerksame Zuhörer |
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Gemeinsame Verantwortung
In der „Staatlichen Berufs-Hochschule“ sitzen über 50 Studenten und Dozenten, die an einer Diskussion mit Repräsentanten aus Nah und Fern teilnehmen möchten. Grzegorz Baranowski, Direktor des städtischen Zentrums für gesellschaftliche Hilfe, moderiert die Veranstaltung. Auf das Thema „Am Herzen gibt es keine weißen Haare...“ eingehend, stellt Dr. Worms die gemeinsame Verantwortung von Alt und Jung für die Zukunft heraus. Für Polen, für Europa, für die ganze Welt. Hohe Bildung ist dabei wesentlich. Die höhere Lebenserwartung erfordere Konsequenzen auf allen Gebieten.
Aus dem Kreis der Studenten gibt es anerkennende Worte über die Zugehörigkeit Polens zur Europäischen Union, aber auch kritische Stimmen über Defizite bei der Familienerziehung. Manche Eltern widmeten den Kindern zuwenig Aufmerksamkeit, wird beklagt. Es bestehe auch die Gefahr, dass in der Schule schwächere Schüler ausgegrenzt werden.
Der ESU-Präsident hebt in diesem Zusammenhang die Rolle der Großeltern hervor, die zuweilen bei den Heranwachsenden eine höhere Autorität besitzen als Mutter und Vater.
Gefragtes Ehrenamt
Ewelina Zdebska, eine in der Sozialarbeit erfahrene Pädagogin, sagt für 2030 einen Senioren-Anteil von 30 Prozent an der Bevölkerung voraus (2008: 19 Prozent). Darauf habe sich Oswiecim schon eingestellt. Dozent Dr. Marek Pyka hält das Zusammenwirken staatlicher Organe und Institutionen mit vielen ehrenamtlich tätigen Bürgern für unverzichtbar. Nur so könnten menschliche Freiheit und gleiche Chancen gedeihen. Auch chronisch Kranke und Behinderte hätten Anspruch darauf. In der Verabsolutierung der ökonomischen Sphäre liege eine Gefahr für die Solidarität und die Gemeinschaft.
Der von Pyka beschriebenen Gefahr der Vereinsamung entgehen in Oswiecim über 200 Ältere (unter ihnen nur 6 Männer!), die Hörer der „Universität des Dritten Lebensalters“ sind. Karolina Domider koordiniert die vielfältigen Angebote, die den Seniorinnen und Senioren Wissen und neue menschliche Kontakte vermitteln. Gelegentlich hört sie von Teilnehmern, sie hätten wegen der vielen gebotenen Veranstaltungen keine Zeit mehr für etwas anderes!
Der ESU verbunden
Die ältere Generation der Stadt begegnet sich in der Regel in ihren Klubs, Vereinen, Kirchengemeinden. Dass jetzt alle Bürger der Stadt in das zentral gelegene große Kulturzentrum geladen werden, ist etwas Neues für sie – und für die Stadtverwaltung. Und – wenn es nach den Organisatoren ginge, wird es nicht das letzte Treffen dieser Art gewesen sein. Die Anregung war vom ESU-Präsidenten gekommen und vom Oberbürgermeister gern aufgegriffen worden.
Annähernd 200 Seniorinnen und Senioren strömen in den Saal; es müssen noch Stühle hereingetragen werden. Mit der Veranstaltung soll „die Verbundenheit der Senioren von Oswiecim mit der ESU“ bekundet werden. So steht es in der Zeitschrift der Tagesstätte, und so gestaltet sich auch der Nachmittag. Zu Beginn stellen sich die Seniorengruppen mit ihren Angeboten vor. Nach dem Stadtoberhaupt Marszalek wird der ESU-Präsident um das Wort gebeten.
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Bild 7: Logo der Einladung
Foto 8: Interview des ESU-Präsidenten für das Fernsehen aus Krakow |
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Dr. Worms: Die Älteren sind unser Schatz
Er ist von der Atmosphäre überwältigt und sagt u.a.: „Die beste Medizin für das Alter ist Tätigsein. Wir Älteren haben Anspruch auf Anerkennung durch die Gesellschaft, sind ihr gegenüber aber auch zu Gegenleistungen verpflichtet. Die Magna Charta der ESU hat 2002 alle Generationen dazu ermuntert. Bleiben Sie Ihrer Stadt und Ihrem Land, bleiben Sie Europa verbunden! Das vereinte Europa wird sich mehr und mehr des Reichtums bewusst, den die ältere Generation darstellt. Sie hat Nazizeit und Krieg überstehen müssen; sie hat unter schwierigen Bedingungen den Wiederaufbau vollbracht. Diese Erkenntnis zu vertiefen, ist der Beweggrund für den Besuch der ESU in Ihrer Stadt. Seien Sie stolz auf Ihre Hochschule und deren Studenten, die sich über die eigene Zukunft und die ihrer Umgebung Gedanken machen.“
Und Dr. Worms fuhr fort: „ Bleiben Sie dem Christentum verbunden und verbreiten Sie seine Botschaft! Ich bin dankbar, dass viele von Ihnen heute mit uns in der Maximilian-Kolbe-Kirche die Heilige Messe gefeiert haben. Was es heißt, die Würde des Menschen zu bewahren, haben wir beim Besuch der KZ-Gedenkstätte in Begleitung Ihres Oberbürgermeisters aufs Neue erfahren. Die Erinnerung an den Franziskaner-Pater Kolbe, der hier 1941 für einen Mithäftling freiwillig sein Leben gab, wird auch in unserer deutschen Heimat wach gehalten. Was wir an anderen Stellen Ihrer Stadt erlebten, stärkt die Überzeugung, dass Oswiecim eine menschenfreundliche, auf Frieden und Freiheit beruhende Zukunft hat.“
Europahymne
Auf diese eher nachdenklichen Worte antwortet ein Frauenchor mit der „Ode an die Freude“ von Schiller in der Vertonung durch Beethoven, die allgemein als „Europahymne“ gilt. Vom vielfältigen kulturellen Leben zeugen insgesamt drei Chöre, das „Bugajski“-Familienensemble und eine Schauspielgruppe, die auf vergnügliche Weise die antiquierte Lebensgestaltung mancher alten Ehepaare aufs Korn nimmt. Der Nachmittag klingt mit der Präsentation volkskünstlerischer Erzeugnisse und mit einem Buffet aus, das die Frauen der Stadt gestaltet haben.
Für das gute Miteinander der Generationen spricht, dass junge Malteser, von denen es 100 in der Stadt gibt, über das Wohl der Älteren wachen und erst das Kulturhaus verlassen, als alle Gäste gegangen sind. Sie sind noch Zeuge eines Interviews, das der ESU-Präsident dem Krakower Fernsehen gibt.
Landrat Jozef Kala (PSL-Mitglied), dem wir bei Gesprächen im restaurierten Piasten-Schloss begegnen, ist zu Recht stolz auf die Entwicklung von Oswiecim – Stadt und Kreis! Stellvertretend für alle Bürgerinnen und Bürger, die für den Besuch der ESU-Delegierten verantwortlich waren, dankte ihm Bernhard Worms auf das herzlichste. Weitere Kontakte werden folgen.
Wojcek Parcer leistete der ESU-Abordnung mit seinen guten Sprachkenntnissen und exzellenten Fahrkünsten unschätzbare Dienste.
Ulrich Winz
Dokumente
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