Frau Reding begrüßt auf letzeburgisch (Luxemburgisch), ihrer Muttersprache, und führt aus:
Anlässlich der Ausrufung von 2001 als Europäisches Jahr der Sprachen wurde ich gefragt: „Welches sind die wichtigen Sprachen?“
Meine Antwort:
Es gibt nur eine wichtige Sprache! Die Muttersprache! Gleich, ob diese Sprache von 200.000 Menschen oder von 20 Millionen Menschen gesprochen wird, das ist nebensächlich. Es ist eben die Sprache, die von den Menschen im Umfeld gesprochen und verstanden wird, das ist das einzige, was hier zählt! Es ist wichtig, dies klar auszusprechen, es ist nämlich ein Symbol für unser Europa. Unser Europa ist bekanntlich zusammengesetzt aus so vielen Kulturen, solche, die von vielen Menschen, andere, die von wenigen getragen werden, aber alle Kulturen sind wichtig, alles gehört zu diesem großen Mosaik der europäischen Vielfalt – dieses Mosaik, diese Vielfalt, das ist unser Reichtum und dieser Reichtum muss gewahrt werden, mittels aller Wege der Politik, auf allen Ebenen.
Wie wichtig es ist, die Wurzeln des einzelnen zu wahren, das haben wir in diesem Jahr am 11. September gesehen. Falsch verstandene Wurzeln, – vergleichsweise wie bei allen Lebewesen, die sich nicht anderen Lebenden öffnen – führen zu Gewalt und Unverständnis und zu gegenseitigem Vernichten.
Wir als Europäer tragen nach meiner Meinung eine große Verantwortung, wir müssen jeder in seinem Anderssein leben, aber im Rahmen eines Dialoges. Es nützt mir nichts, meine Identität allein auszuleben, ich muss sie leben mit allen, die um mich herum leben. Wenn ich möchte, dass meine Identität respektiert wird, dann muss ich die der anderen respektieren. Wir müssen daher in unserem Europa zweigleisig arbeiten. Wir müssen die Wurzeln des Menschen wahren und wir müssen Brücken zwischen den Kulturen schlagen. Ich habe Herrn Präsident Prodi gerade erst vorgeschlagen, rasch zu handeln, denn zur Bekämpfung des Terrorismus und der Gewalt müssen wir jetzt alle Maßnahmen ergreifen, die ihnen bekannt sind – das sind kurzfristige Maßnahmen, das sind Maßnahmen, um den Terrorismus auszumerzen – und sobald wir das getan haben, haben wir die Arbeit erst begonnen. Mittel- und langfristig betrachtet muss ein gesamtes System der Bildung und des Dialoges eingerichtet werden. Ich glaube, es ist jetzt an der Zeit, dies zu tun. Wir als Europäer haben das noch nicht getan, wir sind zu stark auf das Wirtschaftliche konzentriert, wohl mit Erfolg, auf die Finanzen, den Euro – das Baby, das am nächsten 1. Januar entbunden wird – aber wir haben vergessen, dass Wirtschaft und Finanzen den Menschen dienen müssen und das ist das Eigentliche, das zählt, die Beziehungen zwischen den Menschen, dass sich die Menschen wohlfühlen. Wenn ich Menschen sage, meine ich Männer und Frauen. Wir sollten bei uns mit dem Dialog anfangen, zwischen den unterschiedlichen Kulturen, den unterschiedlichen Religionen, aber auch zwischen uns und anderen Kontinenten. Wir haben beispielsweise den Barcelonaprozess entwickelt, um rund ums Mittelmeer die europäischen und die maghrebinischen Völker an einen runden Tisch zu führen. Wir haben das schriftlich auf dem Papier; der Barcelonaprozess ist noch nicht in die Tat umgesetzt worden. Vielleicht ist es jetzt wichtig, diese Brücken zu schlagen und anzufangen mit diesem Dialog der Zivilisationen, denn wenn man miteinander spricht, dann bringt man sich nicht um, wenn man miteinander spricht, dann versucht man, sich zu verstehen, und wenn man sich versteht, dann hat man auch nicht mehr Angst und wenn man nicht mehr Angst hat, braucht man auch nicht mehr zur Gewalt greifen. Ich glaube wirklich, dass wir diesen Dialog ins Werk setzen sollten – energisch, und ich glaube auch, dass wir alle Instrumente, über die wir verfügen, einsetzen sollten, sie brauchen ja nicht mehr von Grund auf erfunden zu werden, wir müssen diese Instrumente nur mehr nutzen.
Gestern und heute trafen sich in Brüssel alle Sportverbände Europas und auch die nationalen und die regionalen Sportverbände, alle diejenigen, die den Sport gemeinsam managen. Ja wir können auch den Sport nutzen, etwa um zu sagen, wie man fair miteinander umgeht, wie man Regeln einhält, wie man lernt, den Gegner zu respektieren, wie man lernt, den fairen Wettbewerb zu respektieren; all das muss ausgeschöpft werden. Um eine Botschaft rüber zu bringen, wird 2004 das „Europäische Jahr der Bildung durch den Sport“ sein. Wir werden jetzt beginnen dieses Jahr zu gestalten, nicht nur was die körperliche Ertüchtigung betrifft in unseren Schulen. Wir alle wissen wie sehr wir das alles brauchen, unsere Kinder liegen eher faul auf den Sofas herum und sind eher keine starken Athleten. Wir brauchen sicherlich mehr Sport in unseren Schulen, aber wir müssen auch die sportlichen Werte in unsere Köpfe hinein bekommen und damit werde ich mich in den nächsten Monaten und Jahren befassen. Das „Europäische Jahr der Bildung durch den Sport“ wird den Höhepunkt darstellen. Der Vorsitzende des IOC hat begonnen, Pilotprojekte anlaufen zu lassen, um die echten Werte, die echten olympischen Werte der Menschheit, den Kindern in den Schulen beizubringen. Ich möchte diese großen Sportereignisse nutzen, um die Symbole zu gestalten. Es gibt ein Symbol, beispielsweise die olympische Flamme, das olympische Feuer. Das ist das Symbol der Union und über dieses
Symbol der Union kann man zu sprechen kommen über unsere Unterschiede, unser Anderssein, aber auch unsere Gemeinsamkeiten. Wenn wir uns um das olympische Feuer versammeln, verstehen wir, dass wir uns ähnlich sind, auch wenn wir unterschiedlich sind. Vom Organisationskomitee in Turin hörte ich, dass das olympische Feuer 2006 von einem europäischen Land zum anderen getragen werden sollten – von Kleinen, von Großen, von Alten, von Jungen, von Männern und Frauen. Auch die Behinderten sind wichtig, überall, auch die Arbeitslosen sind wichtig, die Politiker und auch alle, die vergessen werden – damit unsere Völker zusammengeführt werden Unser Europa braucht dieses Symbol, Europa muss sich in Erinnerung rufen, dass Europa etwas anderes ist als nur ein großer Markt und dass die europäischen Bürger etwas anderes sind als Verbraucher. Dieses Symbol möchte ich nutzen, um die Zukunft zu gestalten.
Ich habe vom Sport gesprochen, ich hätte genauso von Bildung sprechen können, wir haben die große schöne Idee, mit den Universitäten das Mittelalter wieder aufleben zu lassen, also aufgepasst: im Mittelalter waren auch Dinge gut! Zumindest an der Universität, denn die Studenten konnten ohne Problem von einer Universität zur anderen gehen: Es wurden keine künstlichen Barrieren errichtet, so wie später. Ich möchte, dass es wieder möglich ist, ein Unidiplom zu haben, nach dem man eine universitäre Rundreise durch unterschiedliche Universitäten in verschiedene Länder absolviert hat, man könnte z.B. beginnen, hier in Brüssel zu studieren, dann könnte man weiterstudieren in Berlin und das Studium in Bologna zum Abschluss bringen um dann ein Diplom in der Hand haben. Mit meinem Kollegen, Chris Patten, der verantwortlich ist für internationale Angelegenheiten, wollen wir, dass dieses System des Netzwerkes, des Brücken-Schlagens zwischen den Universitäten nicht nur hier auf Europa eingeschränkt ist, sondern dass auch Brücken geschlagen werden zwischen europäischen Universitäten und Universitäten auf anderen Kontinenten. Nicht mehr nach dem alten System, nach dem bilateralen System wo zB die Spanier privilegierte Beziehungen unterhielten nach Südamerika, nein, ich möchte, dass die Schienen der europäischen Universitäten in verschiedene europäische Länder zusammenlaufen und sich treffen mit Universitäten auf anderen Kontinenten, wo auch verschiedene Länder zusammenkommen, um den jungen Intellektuellen in Erinnerung zu rufen, dass die Welt mannigfaltig ist; es ist wichtig diese Mannigfaltigkeit zu lernen und Brücken zu schlagen zwischen den Zivilisationen. Erst kürzlich gab es hier zusammen mit dem Präsidenten Jacques Delors eine große Sitzung unserer Professoren der Jean Monnet-Lehrstühle. Sie wissen, es gibt viele davon, hier in Europa, in Osteuropa und im Rest der Welt. Das sind Professoren, die sich mehrheitlich auf die europäische Geschichte verpflichtet haben und über die Zukunft Europas diskutieren, aufbauend auf Europas Vergangenheit, und ich möchte, dass es immer mehr Jean Monnet-Lehrstühle in der ganzen Welt gibt, sodass immer mehr Jugendliche Europa erlernen können. Europa ist ja ein einheitliches und wunderbares System, noch nie zuvor in der Geschichte der Völker haben sich Völker freiwillig, ohne den Zwang eines Krieges darauf geeinigt, von ihren Vorrechten abzutreten, ihre Befugnisse einzuschränken, um sie mit andern zu teilen, das ist ein einzigartiges Modell. Das ist ein Modell, das wir nicht irgendwo abpausen können. Ein jeder hat das schon einmal gemacht. Deshalb machen wir auch schon einmal Fehler, weil wir in der Entwicklung selbst lernen, aber das ist ein außerordentliches Modell. Sehen sie, wir müssen das nutzen, was wir haben, um Brücken zu bauen zwischen Europäer und Europäer und auch den Kontinenten.
Die Bildung spielt eine ausschlaggebende Rolle. Was ist denn das – die europäische Bildungspolitik – überhaupt? Sie haben sich sicherlich auch diese Frage gestellt, denn sie wissen ja, die Schulprogramme, die Organisation der Bildung ist nationale oder regionale Hoheit, je nach Staat – das ist richtig und es bleibt auch so, doch jetzt kommt das „Aber“ – unsere Staats- und Regierungschefs haben während des Lissabonner Gipfels aus Europa die leistungsfähigste Wissensgesellschaft der Welt machen wollen und wer Wissensgesellschaft sagt, sagt Wissen und wer Wissen sagt, sagt Bildung bzw. Ausbildung, sagt Mann und Frau, sagt Schüler, Student, Lehrer. Es ist eine völlig neue Dimension unserer europäischen Politik, die bisher nur abgestellt hat auf das Wirtschaftliche und das Finanzielle. Zum ersten Mal geschieht das, es ist ja schon fast eine Kulturrevolution. Zum ersten Mal ist es so, dass Männer und Frauen, Wissen und Bildung in den Mittelpunkt unserer Sorgen gestellt werden. Wir haben gemeinsam geprüft, was die Probleme sind und was haben wir da festgestellt? Wir haben festgestellt, dass die Probleme nicht andere geworden sind. Es gibt natürlich Nuancen, es gibt unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Systeme, das wird sich sicherlich nicht ändern. Die Probleme aber bleiben die gleichen, z.B. die Sprachen. Wenn ich ein wenig analysiere, wie es aussieht mit der Kenntnis von Fremdsprachen in Europa – mit der Ausnahme von Luxemburg, nicht etwa, weil wir intelligenter sind, sondern weil wir klein sind und von so großen Nachbarn umgeben – schneiden die Länder nicht so gut ab, wirklich nicht, und ich sage: Wie sollen wir das schaffen, wenn man nicht die Sprache des Nachbarn spricht? Das finde ich wirklich so dumm, z.B. an der Grenze Frankreichs und Deutschlands lernen die kleinen Franzosen kein Deutsch und die kleinen Deutschen lernen kein Französisch mehr. Ich sagte: Meine lieben Minister, nun finden sie aber eine Lösung! Und sie haben auf dem letzten französisch-deutschen Gipfel beschlossen, einen Lehreraustausch zu machen – ist doch auch logisch! Ich sage dann „Sprache“, aber die hat man doch schon von der Wiege an. Wir lernen die Muttersprache ja eigentlich im Spiel. Wenn man untereinander spricht, würde es nicht in den Sinn kommen, französisch zu sprechen, wir sprechen luxemburgisch, das ist unsere Sprache, die wird immer stärker praktiziert. Aber was uns nicht davon abhält, sowohl das Deutsche, als auch das Französische zu beherrschen. Wir lernen mit 6 Jahren in Deutsch zu lesen, zu schreiben, mit 7 lernen wir Französisch, d.h. mit 11 Jahren sind unsere Kinder absolut dreisprachig – und mehr: die kleinen Portugiesen und Italiener bei uns, die noch ihre Heimatsprache sprechen sind absolut mehrsprachig. Also was die können, können sie auch, das habe ich den Ministern gesagt. Ich habe gesagt: in diese Richtung müssen wir arbeiten.
Und in Frankreich ist was Unerhörtes geschehen - weil die Franzosen da am steifsten waren. Die Franzosen wollten nur Französisch und sonst nichts. Jacques Lang aber hat für das nächste öffentliche Schuljahr beschlossen, von Kindesbeinen an für Sprachkurse zu sorgen. Ja, Probleme hatte er, aber er hat es getan. Das ist praktisch eine Kulturrevolution. Er hat beschlossen, zweisprachige Schulen zu finanzieren, z.B. die französisch-bretonisch-sprachige, das ist auch wieder eine Kulturrevolution – das ist der richtige Weg. Was hat er getan, um Mittel zu bekommen für sein Lehrerdefizit? Die Lehrerausbildung benötigt Zeit. Er hat z.B. mit der BBC ein Abkommen unterzeichnet, sodass die französischen Schulen auf die Bildungsprogramme der BBC zurückgreifen können, z.B. auf Programme in englischer Sprache, um Abhilfe zu schaffen wegen des Lehrerdefizits. Und dann ist ihm noch eine andere Idee eingefallen, die finde ich auch außerordentlich: er wird den Studenten, die nicht Franzosen sind und nach Frankreich kommen, um zu studieren, ein besonderes Sprachstipendium geben, wenn sie damit einverstanden sind, ein paar Stunden pro Woche in den französischen Schulen ihre Muttersprache zu unterrichten, sehen sie, da ist Bewegung drin. Da sehen sie einmal, was das europäische Jahr der Sprachen alles auslösen kann. Europa löst ein Umdenken aus, man löst auch einen Systemwandel aus. Ich möchte noch ein anderes Beispiel nennen; wir haben gesehen, dass wir große Mankos im Wissen haben, in allen Mitgliedsstaaten. Aus diesem Grunde habe ich die Bildungsminister und die Forschungsminister in Uppsala zusammengebracht, sodass wir einmal gemeinsam, 30 Minister und Kommissare schauen, was passiert, warum wir gewissermaßen so rückschrittlich sind bei den wissenschaftlichen Studien – und wir haben das Warum herausgefunden, es ist ganz einfach: In Europa ist es so, dass 50% derer, die Wissenschaft unterrichten, älter als 50 sind, ich will damit nicht sagen, dass es schlecht ist, älter als 50 zu sein, trifft ja auch auf mich schon zu – aber um den Kleinen die „coole“ Wissenschaft von heute beizubringen, braucht man junge, engagierte Lehrer – und die haben wir zur Zeit nicht – und da beisst sich die Katze in den Schwanz!
Die Pädagogen haben mir gesagt, wichtig sei doch das Bekenntnis zur Pädagogik und mit 19 Jahren entsteht die Grundpersönlichkeit beim Lernen und wenn die 9-10 jährigen keinen engagierten Lehrer haben, dann werden sie auch nicht Wissenschaftler werden – da beisst sich die Katze in den Schwanz. Wir haben demnach irgendwo angefangen. Wir müssen unsere Lehrmethoden aufrütteln und Europa stellt Wissenschaftler, Pädagogen zur Verfügung, um die beste Methodik zu finden, um Wissenschaft zu unterrichten, um Leidenschaft zu wecken bei den jungen Leuten, die wollen ja zur Wissenschaft.
Neulich, als ich in Luxemburg eine Rede hielt zum 50jährigen Jubiläum des Europäischen Verbandes Junger Doktoren sagte ich: kommen sie doch raus aus ihren Labors, aus ihren Büros, gehen sie in die Schulen und sprechen sie über ihre Begeisterung für Wissenschaft, für Technik, um die Phantasie bei den jungen Leuten zu wecken.
Ich denke, auch sie haben da eine Rolle zu spielen, um zu inspirieren, um mit Begeisterung darüber sprechen, was sie geleistet haben.
Man kann ja nicht alles den Institutionen überlassen, meine ich, auch die Zivilgesellschaft muss die Dinge in die Hand nehmen, mit gutem Beispiel voran gehen. Ja, dass die Zivilgesellschaft vorangeht, das haben wir bemerkt. Europa möchte ja die leistungsfähigste Wissensgesellschaft der Welt werden. Aber da fehlt es auch an Leuten, die es schaffen, Computer zu beherrschen. Zur Zeit haben wir ein Defizit von 1.7 Millionen Arbeitsplätzen. Diese Arbeitsplätze könnten besetzt werden, wenn wir über Fachpersonal verfügen würden. Green Card ist doch bitteschön nicht die Lösung. Die Lösung ist die Ausbildung der Leute hier bei uns. Das ist nicht nur eine technische Ausbildung – glauben sie das nicht! Technische Ausbildung haben die jungen Leute ja, die können viel besser mit Computern umgehen als wir das jemals lernen werden, das haben sie sozusagen in den Genen. In unseren Analysen haben wir aber auch gesehen, dass, damit man ein guter Spezialist ist bei den neuen Technologien, 80% der Kenntnisse soziale Kenntnisse sind und Kenntnisse der Teamarbeit. Das sind also menschliche Kenntnisse, Kenntnisse über menschliche Beziehungen. Da muss man sich auch fragen, ob unsere Schule diese menschlichen Beziehungen noch beibringt. Das sind die Überlegungen, die die Minister gemeinsam anstellen. Und sie haben natürlich Sachverständige, die ihnen zur Seite stehen. Und die Minister gehen dann zurück und überlegen, was getan werden muss. Muss reformiert werden – wenn ja, sie werden es dann tun. Soll vielleicht nicht reformiert werden – gut, dann steht es ihnen auch frei, es nicht zu tun. Aber wir – alle 15 Mitgliedsstaaten gemeinsam – haben beschlossen, dass wir regelmäßig eine Analyse der Qualität unseres Bildungswesen durchführen möchten. Das ist wirklich eine Revolution. Stellen sie sich vor, dass vor 5 Jahren ein Minister akzeptiert hätte, dass ein Ausländer kommt, um ihm vielleicht bei der Überprüfung seines Bildungssystems beizustehen. Das war damals undenkbar, aber heute geht es. Und in Europa prüfen wir jetzt einfach, welche Möglichkeiten es gibt im Bereich der Grammatik, der Orthographie. Welche Kenntnisse haben die Kinder im Alter von 10 Jahren beispielsweise? Oder im Alter von 14 Jahren. Wie sieht es aus mit ihren Fremdsprachenkenntnissen, oder was kann man mit 9 Jahren im Bereich der Mathematik tun. Und was stellen wir dort fest? Wir stellen große Unterschiede fest zwischen den Ländern. Nicht alle Länder sind in allen Bereichen schlecht, aber häufig gibt es bestimmte Fächer, in denen wir sehr gut sind, und andere, in denen wir nicht so gut sind. Und wenn wir diese Qualitätsanalyse durchführen, dann nicht deshalb, um zu sagen: ja, dieses Land ist hervorragend und das andere Land ist ein Nichtsnutz. Nein, wir machen das, um zu sagen: ja, sie machen das in ihrem Land sehr gut, in allen Fächern, mit Ausnahme von einem Fach, da sollten sie sich bemühen, um dort die Qualität zu verbessern. Und gut ist auch folgendes: die Bildungsminister können das tun, was die Studenten nicht tun dürfen – sie dürfen abschreiben oder kopieren von ihren Nachbarn. Beispielsweise, wenn Minister aus den Ländern kommen, wo die Sprachkenntnisse hinterherhinken, diesen sage ich dann: kommen sie doch nach Luxemburg, denn da haben wir Erfahrung in dem Bereich. Oder meine luxemburgischen Minister werden in andere Länder gebracht, wo man beispielsweise in der Mathematik hervorragende Leistungen erzielt – in Luxemburg ist das nämlich nicht so. Also: wir können voneinander lernen. Und wir können das Beispiel der Nachbarn nachahmen. Dazu brauchen wir natürlich gute Beispiele. Gemeinsam können wir sehr viel schneller lernen. Und das Ziel ist ja sehr einfach: es besteht darin, dass wir ein hochwertiges Bildungssystem haben für alle. Damit wir dann Jugendliche haben, neue Generationen, die wirklich hochwertig arbeiten können, die leistungsstark sind, damit wir gemeinsam die Gesellschaft des Wissens aufbauen können, die unsere Staats- und Regierungsoberhäupter damals in Lissabon beschlossen haben.
Ich habe also einige Beispiele genannt, um ihnen zu zeigen, wie wir vorgehen, z.B. in Ländern, wo nach wie vor Bereiche der regionalen oder auch der nationalen Regierungen verbindlich sind. Ich kann das Bildungswesen in Belgien nicht reformieren, sondern das obliegt dem flämischen oder auch dem wallonischen Minister. Aber wir können gemeinsam mit allen Ministern lernen, wie man reformieren könnte. Die Reform dann umzusetzen, das ist das absolute nationale Vorrecht. Aber sehen sie doch folgendes: wenn wir alle gemeinsam beginnen, festzustellen, was funktioniert, was nicht so gut ist, was man tun könnte, um die Dinge zu verbessern – dann machen wir das auch! Denn niemand hat dann Argumente nichts zu tun. Man müsste ihm dann nämlich vorhalten: sie wollen ja nichts tun. Und dann würde er unter Druck kommen. Unter den Druck der nationalen Parlamente, der Medien, die dann auch Fragen stellen werden: Hey, Minister, im Bereich der Mathematik da gibt es Defizite! Wieso führen sie dort keine Reformen durch? Unsere Nachbarn stehen da wesentlich besser da – im Bereich der Fremdsprachen zum Beispiel – weshalb können wir da keine Anstrengungen unternehmen? Also: zusammen können wir etwas tun.
Und dann gibt es noch einen großen Bereich, von dem ich jetzt sprechen wollte: das ist ebenfalls ein europäischer Bereich, in dem wir gemeinsam etwas unternehmen müssen, es handelt sich um die Tatsache, dass das Wissen, insbesondere das technische Know-how, in unseren Gesellschaften im Augenblick eine Lebensdauer von fünf bis zehn Jahren hat – in Zukunft wird es wahrscheinlich eine Dauer von nur noch drei Jahren sein, sagen die Experten. Wenn wir also möchten, dass die jungen Leute, die studiert haben, die mit einem Beruf beginnen, nicht schnell ihre Arbeitsfähigkeit verlieren, also nicht schon nach fünf bis zehn Jahren nichts mehr wissen. Wenn wir das nicht wollen, dann müssen wir nach wie vor weiter ausbilden. Das ist ein Aspekt. Der zweite Aspekt ist der, dass wir in ein Zeitalter eintreten, in dem die Jugend ein ganz besonderes Gut wird. Wir dürfen es uns nicht gestatten, dass wir Jugendliche haben, die keine Ausbildung bekommen. Das ist einfach zu teuer. Deshalb müssen die Jugendlichen wirklich alles bekommen. Wir müssen ihnen eine Ausbildung geben. Gut, wir verstehen das, aber ich habe drei Söhne, und die haben auch nicht immer verstanden, warum sie zur Schule gehen sollten. Wenn man dann vielleicht 25 oder 30 Jahre alt ist, dann merkt man auf einmal, dass es vielleicht besser gewesen wäre, etwas zu lernen, als man noch jung war. Das aber kann man wieder aufholen. Man kann diesen Menschen eine zweite oder sogar eine dritte Chance geben, um sie zu einem späteren Zeitpunkt eben auszubilden, damit sie auf dem Arbeitsmarkt eine Chance haben. Damit sie dann nicht als Arbeitslose von unserer Unterstützung leben müssen. Und dann gibt es noch einen dritten Grund: ich habe gerade gesagt, es gibt nicht mehr ausreichend Jugendliche, wir haben eine Bevölkerung, in der es prozentmäßig gesehen immer mehr ältere Mitbürger gibt. Das ist schon sehr lange her, dass wir zur Schule gegangen sind. Wir möchten vielleicht unsere Kenntnisse auffrischen, wir möchten uns einsetzen, engagieren, um in der Lage zu sein, wirklich auch aktive Beteiligte an der Gesellschaft von morgen zu sein. Und dafür – aus all diesen Gründen, und auch, um die Fähigkeit zu verstärken, sich sozial zu engagieren, auch an der Bürgergesellschaft teilzunehmen – ist das „lebensbegleitende Lernen“ so wichtig und wird in den nächsten Jahren immer noch wichtiger werden. Es wird sogar zu einer absoluten Notwendigkeit werden. Das ist ein sehr schöner Bereich, aber auch sehr schwierig. Weshalb? Weil in den meisten unserer Länder die Ausbildung das „lebensbegleitende Lernen“ einfach noch nicht beinhaltet. Es gibt keine Tradition in diesem Bereich. Es gibt einige nordische Länder, in denen die Tradition dort sehr stark ist, aber im Mittel- und auch in Südeuropa, da ist das ganze doch relativ unbekannt. Es handelt sich um eine Geistesverfassung. Ich habe das schon gesagt, als ich das akademische Jahr in Paris eröffnet habe. Da habe ich gesagt: denken sie, dass sie jetzt, da sie ihr Diplom in der Tasche haben, wirklich die ganze Arbeit abgeschlossen haben? Nein, habe ich gesagt, nach dem Diplom fängt die Arbeit erst an. Und sie werden ihr ganzes Leben beschäftigt sein. Es geht nicht einfach nur um eine Berufsausbildung, ich spreche nicht nur davon, sondern ich spreche von Bildung, Ausbildung insgesamt. Und weshalb ist es so schwierig? Einfach deshalb, weil es sich ja nicht um eine Bildung handelt, die man nur in der Schule bekommen kann. Es handelt sich um eine Ausbildung, die auch nicht formal ist, die informell ist. Und dabei bitte ich sie um ihre Hilfe. Es ist keine Ausbildung, die in den traditionellen Schulen gelehrt wird, sondern es ist eine Ausbildung, in der die Sozialpartner auch eine ganz wichtige Rolle spielen müssen. Die Vereine, Verbände, die politischen Parteien, sie müssen ebenfalls dort ihre Rolle wahrnehmen. Und ich denke, wir müssen das Bildungsangebot, das wir besitzen, völlig neu überdenken.
Wir können mit der Arbeit beginnen, auf dem nächsten Rat der Bildungsminister werden wir ausführlich über meine sehr konkreten Vorschläge im Bereich des „lebensbegleitenden Lernens“ sprechen, und wir werden anfangen, werden den Weg beschreiten. Und auch dort, mit neuen Methoden der sogenannten offenen Koordinierung, d.h. wir koordinieren unsere Anstrengungen, unsere Bemühungen, wir lernen voneinander, wobei aber das Prinzip der Subsidiarität gewährleistet wird. Das heißt, die Befugnisse der Staaten und der Regionen, sie selbst können ihr eigenes Bildungswesen gestalten. Dort gibt es wirklich einen ganz neuen, einen wichtigen, einen wunderschönen Bereich, in dem wir alle auch ihr Engagement benötigen. Herr Präsident, ich zähle auf ihre Organisation, die ja auch aus Politik besteht. Sie besteht aus denjenigen, die Europa aufgebaut haben, die Europapolitik in ihren Regionen in ihren Nationen durchgeführt haben, sie besteht aus Menschen, die Erfahrung haben. Diese Erfahrung benötigen wir, um diese neue schöne europäische Vision zu verwirklichen, die ebenfalls die Menschen zusammenführen wird. Und das ist unsere schönste, unsere wichtigste, unsere anstrengendste Aufgabe.
(Zusammenfassung durch Prof. Dipl.-Ing. Walter PAUL, auch unter Verwendung der Bandaufnahme der Simultandolmetscher)