Herr Präsident, liebe Kollegen, meine Damen und Herren, sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete!
Wie sie wissen, ist es für mich immer eine große Freude, ihrer Einladung Folge zu leisten. Denn ich fühle mich in ihrer Runde als Zeitgenosse. Es ist ein Freundeskreis für mich und die aktive Beteiligung in diesem Freundeskreis ist unerlässlich für Europa.
Wir stellen fest, dass sich die Bevölkerungsstrukturen innerhalb der EU ständig verändern. Die Bürger leben – Gott sei es gedankt – immer länger und ihre Beziehungen zu den anderen Altersgruppen verschieben sich also auch. Diese Tendenz, dieser Trend wird sich mit der Zeit noch verstärken.
Man darf darin keine negative Überalterung der Bevölkerung oder der Gesellschaft sehen. Ich bin davon überzeugt, dass es eher eine Chance ist, neue Erfahrungen zu erleben. Nach den Berechnungen der Kommission wird ab 2010 der Anteil der erwerbstätigen Arbeitnehmer altersmäßig zunehmen, während der Anteil der jüngeren zurückgehen wird – dies aufgrund des ständigen Anwachsens der Lern- und Studienzeiten und auch aufgrund des Rückgangs der Kinderzahl. Und deshalb wird also auf dem Beschäftigungsmarkt die jüngere Gruppe einen immer kleineren Anteil bilden.
Heute gibt es schon mehr als 60 Millionen alte Menschen in der EU. Die Unternehmer und Politiker werden aus diesem Grunde mit einer Umkehrung der Alterspyramide konfrontiert, also auch der Umkehrung der Pyramide der erwerbstätigen Bevölkerung. Und es wird daher eine Politik im Hinblick auf eine aktive Erwerbstätigkeit geführt werden müssen und die optimale Nutzung der menschlichen Ressourcen erforderlich sein.
Aber was verstehen wir darunter, liebe Kollegen, wenn wir sagen, wir sind alt? Verfügen wir denn nicht über eine reiche, wertvolle Erfahrung, Lebenserfahrung, besondere gesellschaftliche Qualifikationen, die wir gerne einsetzen möchten? Der natürliche Alterungsprozess betrifft uns alle – aber in unterschiedlicher Weise. Der Erwerb neuer Fähigkeiten beschränkt sich nicht auf einen bestimmten Lebensabschnitt.
Die Fähigkeit unserer Generation, einen Platz einzunehmen, der dem aktiven Leben angepasst ist, hängt davon ab, dass Unternehmen, Behörden, die Gesellschaft unser Potential zu schätzen wissen. Unsere Anstrengungen müssen sich also darauf richten, dass man dieses Profil auch nutzt und neue Anreize bietet. Flexible Arbeitsformen gehören dazu, auch die Möglichkeit in Gruppen zu arbeiten. Das sind erwiesene neue Arbeitsmethoden, die schon ihren Erfolg gezeigt haben. Darauf müssen wir aufbauen und müssen auch neue innovative Konzepte schaffen und weiterentwickeln.
Im politischen Bereich hat sich die EVP dafür ausgesprochen, die ESU zu gründen und sogleich ihre Arbeit durch zwei engagierte und aktive Mitglieder zu fördern und zu unterstützen, den Präsidenten und den Generalsekretär, denen ich herzlich danken möchte.
Lieber Präsident Knafl, und lieber Generalsekretär Mohaupt, ihr habt aus der ESU eine Vereinigung gemacht, die Gewicht hat, der man zuhört und die auch noch Einfluss ausüben kann auf die Gemeinschaftsinstitutionen. Die Antidiskriminierungsregelungen, die im Amsterdamer Vertrag verankert sind, hätten ohne ihre Initiative, ohne ihre Anstrengungen und ihre intensiven Verhandlungen mit den politischen Entscheidungsträgern sicher nie das Licht der Welt erblickt. Diese Regelungen haben es ermöglicht, dass nicht nur Hilfsprogramme eingerichtet wurden, die die Situation der älteren Bürger verbessern, sondern, dass man auch in der europäischen Gesetzgebung darauf achtet, dass unsere Generation nicht benachteiligt wird. Ich sagte ausdrücklich und absichtlich „unsere Generation“. Herr Präsident, sie haben Verdienste erworben in unserer Generation, für die ich ihnen ganz besonders danken möchte.
Was den Sozialschutz betrifft, so sind die ersten Auswirkungen dieses Prozesses bereits spürbar. Insbesondere gilt dies für die Renten, aber auch für die Gesundheitssorge. Die Finanzierung der Sozialsysteme, der Krankenversicherungssysteme in den einzelnen Mitgliedsstaaten, im wesentlichen gespeist, durch die Beiträge der Erwerbstätigen, haben durch den Rückgang der Zahl der Erwerbstätigen und die Steigerung der Kosten ihre Grenzen angezeigt. Das kann die Solidarität zwischen den Generationen einschränken und aggressive Haltungen bei den Jüngeren heraufbeschwören. Die jüngere Generation ist gezwungen zu zahlen, ohne sicher zu sein, dass sie selbst jemals solche Versicherungsleistungen für sich in Anspruch nehmen kann. Auf der anderen Seite gibt es bei den Rentnern gleichfalls das Risiko, sich jetzt nur als einfache Empfänger finanzieller Hilfeleistungen zu empfinden.
Die Gemeinschaft hat erkannt, dass dieses Risiko existiert und versucht, den ersten Pfeiler der Pflichtversicherungen durch Ausbau des zweiten Pfeilers zu entlasten. Wir sind uns jedenfalls der Tatsache bewusst, dass die Berufsrenten systeme alleine nicht das System des ersten Pfeilers werden tragen können. Aus diesem Grunde werden neue Vorschläge untersucht und geprüft, um die Schaffung neuer Mittel für die Arbeitnehmer zu gewährleisten, damit Gesundheitsfürsorge nicht nur das Leben verlängern kann, sondern es unter besten Bedingungen verlängern kann.
Altern hat für viele von uns jeweils eine andere Bedeutung. Für viele bedeutet das, auch im sozialen Bereich tätig zu sein, im kulturellen, im sportlichen oder auch im politischen Bereich aktiv zu sein. Es ist erfreulich, mit anderen Menschen etwas zu leisten und etwas zu unternehmen, Leute näher kennen zu lernen, neue Bande zu knüpfen, alte Bande zu stärken und zu vertiefen. Die Angst zu vereinsamen, übergangen zu werden, wird dadurch überwunden.
Es geht auch um die Frage nach dem Sinn des Lebens. Jeder muss für die anderen da sein, muss etwas nützliches leisten, das Prinzip heißt: für mich und für die anderen etwas tun. Und die Politik und die Gesellschaft müssen dafür sorgen, dass die angemessenen Bedingungen dafür geschaffen werden.
Die Schaffung dieser Bedingungen, um bei vielen Menschen das negative Bild des Alterns zu vertreiben, die notwendigen Maßnahmen um auch die soziale Ausgrenzung zu verhindern, sowie die Diskriminierung aufgrund des Alters, das sind alles wichtige Fragen, die sich durch die radikalen Veränderungen ergeben. Doch wir müssen auch die Ideen radikal verändern, denn nichts mehr ist heute wie ehedem. Es gibt keine Trennung mehr zwischen Lehrzeit, Arbeitszeit und Rentenzeit. Das ist heute ein ganz neues, ein sehr komplexes Kapitel, das sich hier eröffnet - für das ganze Leben gültig. Wenn wir also konsequent dahin gelangen können, dass für einen langen Zeitraum im Leben, vielleicht sogar für das ganze Leben, Unabhängigkeit gewährleistet werden kann, so setzt das aber voraus, dass die Gesellschaft sich auch mit dem Problem des dritten Alters ernsthaft befasst, dafür sorgt, dass Wiedereingliederungen ins Berufsleben erfolgreich durchgeführt werden können, dass die Lebensqualität der älteren Menschen verbessert wird, durch angemessene Rente und durch angemessene menschenwürdige Wohnungen sowie auch durch die Förderung der Mobilität.
Dadurch kann man Bedingungen schaffen, die es älteren Menschen ermöglichen, sich am sozialen Leben und an der Gesellschaft zu beteiligen. Unsere Pflicht ist es, notwendige Veränderungen auch in den Vorstellungen der Unternehmen, der Behörden und der Politiker zu schaffen - und ich bin sicher, dass die ESU in diesem Rahmen eine entscheidende Rolle spielen wird, - und zwar dies unter der Führung des zukünftigen Präsidenten Bernhard Worms (D).
(Zusammenstellung der deutschsprachigen Fassung des Eröffnungsvortrages durch Prof. Dipl.-Ing. Walter Paul, auch unter Verwendung der Bandaufnahme der Simultanübersetzung)